Wanderkompromisse in Corona-Zeiten (Juni – August 2020 – Slowenien, Kroatien)

Zum Gold der Apachen

Ein Schlafsack war in dieser Nacht unnötig. Laut Anne gab es Mäuse in der Hütte. Ich hatte nichts gehört. Bevor es weiterging füllte ich unsere Trinkflaschen an der Quelle auf. Laut Karte sollte es auf der heutigen Etappe zum Tulove Grede nur eine Quelle und einen See geben.
Der Tulove Grede ist ein weißer Felsen und wurde bekannt durch die Winnetou-Filme, die zum Großteil zwischen 1962 bis 1968 in diesem Gebiet gedreht wurden.
An unserer Abstiegsroute lagen gleich zwei Quellen, der See hingegen war ein ausgetrocknetes Schlammloch.

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Der auf unserer Karte eingezeichnete See Ivanjska Lokva ist ein ausgetrocknetes Schlammloch.

Auf der Schotterstraße, die hinauf zum Aussichtspunkt Libinjska kosa führt, hockte ein Pärchen, Wanderer mit Rucksack und Gitarre. Es waren Deutsche, die heute morgen bei den Tulove Grede gestartet waren, ihr nächstes Ziel hieß nun Nationalpark Paklenica. Vor Jahren war der junge Mann schon einmal durch den Velebit gewandert, von Nord nach Süd. Jetzt wollten die Beiden den Weg entgegengesetzt laufen.
Leider hatten sie keine Karte und nur Verpflegung für 3 Tage. Sie hofften in Baške Oštarije Nachschub zu bekommen. Mit einer Wanderkarte konnten wir ihnen aushelfen, unsere brauchten wir ja nicht mehr. Die Illusion von einem Laden in Baške Oštarije mussten wir ihnen jedoch nehmen. Unsre Empfehlung: heute auf die Schutzhütte Vlaški grad zu gehen, dann den Paklenica-Kamm zu laufen und anschließend nach Starigrad abzusteigen, um einzukaufen wurde dankend angenommen.

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Blick zum Novigradsko more.

Am Aussichtspunkt Libinjska kosa hatten sich Teilnehmer einer Fotosafari versammelt, Auslöser klickten im Akkord. Wir machten kurz Pause klickten mit, tranken etwas Wasser und liefen weiter.
Der Weg führte auf einer Schotterstraße entlang, die Sonne brannte und nirgends gab es Schatten. Der weiße Kalkstein schien die Atmosphäre noch zusätzlich aufzuheizen. Erst nach über 10 Kilometern verschwand die Straße kurz in einem Waldstück.
Hinter dem Wald zeigten sich zum ersten Mal die Felsen des Tulove Grede. Die Straße mündete in eine weitere Schotterpiste, in der Nähe standen vereinzelt Häuser mit kleinen Kartoffeläckern davor.

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Die Sonne brennt nirgends gibt es Schatten.

Laut GPS musste es hier einen Pfad geben, entdecken konnten wir keinen. Also hielten wir mal grob auf eines der Häuser zu.
Plötzlich, wie aus dem Nichts schoß ein kleiner schwarzer Köter hervor und begann Anne zu attackieren – wütend wie Rumpelstilzchen…
Zum Glück kam gleich die Hausfrau aus der Tür gerannt und versuchte Rumpelstilzchen zur Räson zu bringen. Maria lud uns daraufhin auf einen O-Saft ein. Sie lebt hier allein mit ein paar Schafen. Sie zeigte uns den verlorenen Pfad und nach wenigen Minuten standen wir auf der Hauptstraße, die vom Mali-Alan-Pass nach Obrovac führt und auch nur eine Schotterpiste ist.
Die Straße führt direkt an dem Drehort der Winnetou-Filme vorbei. An einer Mauer hängt eine Gedenktafel für Pierre Brice.

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Von 1962 bis 1968 war hier einer der Drehorte der Winnetou-Filme.

Laut meiner Osmand-Karte soll sich innerhalb einer Doline eine Quelle befinden. Anne hockte sich in den Schatten eines Baumes, ich ging auf Wassersuche. An besagter Stelle fand ich zwar keine Quelle, dafür Nugget Tsil, das Goldversteck der Apachen in Winnetou 1, wo auch Winnetous Vater Intschu-tschuna und Winnetous Schwester Ntscho-tschi erschossen wurden…
Doch auch Gold gibt’s hier nicht, so begab ich mich unverrichteter Dinge zurück zur Straße. Ein Pärchen aus Deutschland mit Hund hatte den selben Weg. Sie waren auf einem Tagesausflug von der Küste aus und nun wie ich auf dem Rückweg. Unser Wasserproblem löste sich wieder einmal recht spontan. Die Beiden holten einen Liter Mineralwasser aus dem Auto, das hatte zwar die Umgebungstemperatur angenommen, aber immerhin…

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Nugget Tsil, das Goldversteck der Apachen in Winnetou 1.

Jetzt mussten wir uns nur noch Gedanken machen, wo wir die Nacht verbringen konnten. Hier hatte man immer das Gefühl irgendwie auf dem Präsentierteller zu stehen. Wir liefen die Straße ein Stück zurück. Rechter Hand tauchte plötzlich ein Dach zwischen den Bäumen auf – ein Picknickplatz mit Tisch, Bank und Brunnen!
Im Wasser schwammen zwar Pflanzenteile und Insekten, mit einem provisorischen Filter aus Annes Verpflegungssäckchen war das Problem jedoch gut in den Griff zu bekommen. Und was das Desinfizieren betraf, auch dafür war gesorgt. Unter dem Dach des Picknickplatzes steckte eine Flasche – Graševina Kutjevo 2018. Darin schwappte feinster Rakija – Feuerwasser des weißen Mannes…

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Rechts unter dem Dach des Picknickplatzes steckt eine Flasche mit hochprozentigem Rakija.

Die Felsspitzen vom Tulove Grede erglühten in den letzten Strahlen der Abendsonne, von Osten zog eine Gewitter auf. Wir zogen uns ins Zelt zurück. Bald schüttelten Windböen die Baumwipfel und Stroboskop-Blitze erhellten den Himmel, Regen fiel keiner. Unter dem Dach des Picknickplatzes lärmten Siebenschläfer…

Marigold

Etwas Abkühlung hatte das Gewitter gebracht, es war angenehm bewölkt. Wir verließen Tulove grede und folgten der Schotterstraße in Richtung Mali-Alan-Pass.

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Wir folgen der Straße zum Mali-Alan-Pass.

Die Straße ist ein Memorial Way alle paar Meter tauchten Gedenktafeln auf, für gefallene Kroaten während des Jugoslawienkriegs.
Kurz vor dem Pass fing es an zu regnen. Ein Stück hinter dem Pass mündet der Wanderweg vom Sveto brdo auf unsere Schotterpiste. Der Weg schien also gangbar zu sein. Laut einem Wegweiser waren es 3 Stunden bis zur Planinarsko sklonište Dušice und 4 ½ Stunden bis zum Gipfel. Laut unsere (älteren) Velebit-Karte gab es auf dem Weg noch Minenfelder.
Nun ging es leicht bergab. Unter uns zeigte sich das Tal von Sveti Rok, die Berggipfel am Horizont steckten in grauen Wolken.

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Unter uns zeigte sich das Tal von Sveti Rok, die Berggipfel am Horizont stecken in grauen Wolken.

Bald verließen wir die Straße nach Sveti Rok und folgten einem Forstweg zur Rotbach-Quelle (Crveni potoci). Sie blieb die einzige Wasserstelle auf dieser, mit über 28 Kilometern längsten Etappe unserer Wanderung.
Die Via Dinarica folgte auch heute meist Forstwegen, aber im Gegensatz zur gestrigen Etappe, ging es jetzt meist durch schattigen Bergwald. Immer wenn wir etwas Sicht hatten und zurück blickten sahen wir den Sveto brdo, über dessen Gipfel sich nun Gewitterwolken türmten.
Eine Familie aus Zagreb hielt mit ihrem Auto. Sie hatten mit ihrer Oma Kräuter gesammelt. „Marigold“ (Ringelblumen) erklärte uns die Dame. „Die besten wild wachsenden Blumen gibt’s nur hier im Velebit.“

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Über dem Sveto brdo erheben sich Gewitterwolken.

Uns steckten bereits 21 Kilometer in den Beinen als der Weg plötzlich wieder einmal im Nirvana verschwand. Bis zur Straße D27, Gračac – Obrovac konnte es nicht mehr weit sein. Doch so sehr wir auch suchten und suchten, wir konnten keinen Weg finden. Also zurück, und über zertrampelte Kuhpfade und querfeldein kamen wir unserem Ziel näher und näher. Das letzte Stück bergab bis zur Straße bildete eine widerlich-garstige Schotterpiste. Völlig fertig hockten wir uns erstmal an den Straßenrand. Vielleicht hatten wir auch diesmal Glück und jemand nahm uns mit nach Gračac.

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Unser Biwakplatz bei Gračac.

Doch Fehlanzeige, hier gab es nur Raser und keinen gescheiten Platz, um anzuhalten. So liefen wir weiter, bogen nach eineinhalb Kilometern auf eine alte Betonstraße ab und fanden endlich in einem Wäldchen am Stadtrand, kurz hinter den Bahnschienen einen geeigneten Biwakplatz für die Nacht. Morgen wollten wir Verpflegung kaufen und bei einem zweiten Frühstück mein Smartphone aufladen.

On the road

In der Nacht hatten sich Naturgeräusche mit Zivilisationsgeräuschen vermischt. Im Klartext: Wolfsgeheul mit Kötergekläff. Wobei für mich letzteres deutlich nervender war.
In Gračac angekommen führte uns der erste Weg in den Supermarkt – Tommy Maximarket. Neben dem üblichen Essen für Wandersleute mussten wir auch eine Flasche Wasser kaufen, Annes Faltflasche leckte. Der Ort selbst lud nicht wirklich ein, hier länger zu verweilen. Immerhin, die Corona-Regeln wurden ernst genommen. Beim Bäcker herrschte Maskenpflicht und nur eine Person durfte in den Verkaufsraum. Im Café „Rustika“ das gleich neben dem Flüsschen Žižinka liegt gab es unser zweites Frühstück aus gekauftem Bäckerkuchen und Cappuccino. Außerdem durfte ich mein Smartphone laden und wir konnten unsere Trinkflaschen füllen.

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Im Café „Rustika“ das gleich neben dem Flüsschen Žižinka liegt gibt es unser zweites Frühstück.

Laut Karte folgte die Via Dinarica ab Gračac die nächsten 9 km der D1 – Hauptverkehrsstraße zwischen Zagreb und Split. Ich kann schon mal sagen, es war einer der ätzendsten Abschnitte auf der Wanderung.
Um den monotonen Straßenabschnitt etwas aufzulockern, beschlossen wir die am Weg liegenden Höhlen Cerovačke špilje zu besuchen. Laut einem Straßenschild am Ortsausgang von Gračac waren es 4 km bist dort.
Etwa einen Kilometer vorher befindet sich auf der anderen Straßenseite unübersehbar das Restaurant Tomić. Auch diesem mussten wir einen Besuch abstatten, da mussten die Höhlen halt warten. Manchmal hatte so ein Restaurantbesuch bei Ćevapčići und Hopfensaft durchaus etwas Nützliches. So erfuhren wir vom Kellner, dass besagte Höhlen geschlossen waren, der Weg wäre umsonst gewesen.
Der Weiterweg war nicht umsonst dafür einfach nur beschissen. Neben uns donnerten die motorisierten Zeitgenossen vorbei, Lkws waren am schlimmsten. Über uns knallte einem die Sonne aufs Hirn. Trampen gaben wir nach wenigen Metern auf, es hielt eh keiner.
Endlich, nach 2 ½ Stunden Asphaltgelatsche mündete von rechts ein Schotterweg ein. Eine Brücke überquerte die Eisenbahnlinie nach Knin. Wir hockten uns unter den erstbesten Baum am Wegesrand und tranken O-Saft vom Tommy-Markt.

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Am Wegrand wuchsen Himbeeren und zwar reichlich.

Ab jetzt ging es meist durch Wald in Richtung Čardak-Gipfel. Am Wegesrand wuchsen Himbeeren und zwar reichlich. Trotz ergiebiger Futterpausen kamen wir nicht umhin den Aufstieg zum Gipfel anzugehen. Der Pfad war markiert aber teilweise recht steil und nicht immer leicht zu finden. Doch tapfer schleppten wir uns bergauf und standen schließlich kurz nach 16 Uhr auf dem 1175 m hohen windigen Gipfel.
Von Westen her zogen Regenwolken auf, so dass wir zügig weiterliefen. Der Wanderweg führt in südöstlicher Richtung über einen meist bewaldeten Verbindungskamm zum Nachbargipfel Oklinak (1187 m). Die gesamte Südwestflanke des Massivs Čardak-Oklinak ist recht steil. Da es schon auf 17 Uhr zuging hofften wir bald einen Platz zum Biwakieren zu finden. Doch das war schwierig. Endlich führte der Pfad aus dem Wald heraus auf eine kleine Bergwiese. Hinter einer Gruppe Büsche in Kammnähe fanden wir sogar ein halbwegs ebenes und or allem windgeschütztes Plätzchen für unser Zelt. Es wurde auch höchste Zeit. Kaum stand unsere Behausung als schon die ersten Tropfen aufs Zeltdach trommelten und Donnergrollen durch die Luft drang.
Da es auf dem gesamten Weg kein Trinkwasser gab und wir auch nicht wussten wann es morgen Wasser geben würde, verzichteten wir aufs Kochen, aßen nur ein paar Nüsse und tranken etwas Sprudel. Ein Gedanke beschäftigte mich: Hoffentlich regnete es sich nicht ein und wir müssen auf dem Bergkamm ausharren…

Izvor Zrmanje

Morgens weckten uns tatsächlich Regentropfen. Draußen herrschte dichter Nebel. Wir entschieden uns abzuwarten. Gegen 9:30 Uhr hörte es auf zu regnen. Wir packten unsere Sachen und liefen weiter. Bald standen wir auf dem Gipfel des Oklinak, schade durch den Nebel war nichts zu sehen. Außerdem hörte hier die Wegmarkierung auf. Ab jetzt mussten wir unserem Track vertrauen.
Das Gras unter uns war verkohlt, der ganze Hang war verkohlt. Es konnte noch nicht allzu lang her sein, dass es hier gebrannt hatte.
An die Gefahr eines Waldbrandes hatten wir bis jetzt gar nicht gedacht. Die Vorstellung im Zelt zu hocken und ringsum loderten plötzlich Flammen auf war etwas beunruhigend…

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Forstwege geleiten uns zur Quelle der Zrmanja.

Nach einer Weile erreichten wir einen Waldweg. Dieser führte schließlich auf eine Schotterpiste, die hier auch als Straße durchgehen könnte. Es gab sogar Kilometersteine. Das Wetter hatte sich gebessert vor uns tauchten Stücke blauen Himmels auf, hinter uns türmten sich graue Regenwolken.
Ein Pfad, der leicht zu übersehen wäre, hätten wir nicht unseren Track, zweigte rechter Hand ab. Er mündete bei einer kleinen Kirche wieder auf die Hauptverkehrsstraße D1. Unter uns erstreckte sich das Tal des Zrmanja-Flusses. An dem Tal endet das Velebitgebirge, dem wir nun schon so lange gefolgt waren.

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Das Tal der Zrmanja bildet die Grenze zum Velebit-Gebirge.

Unser Ziel war die Quelle des Zrmanja unterhalb des Poštak. Wie die Quelle der Kupa ist auch die der Zrmanja eine Karstquelle, das heißt der Fluss tritt in seiner vollen breite aus dem Fels. Ein kurzes Stück folgten wir der Straße bis links ein Schotterweg nach unten führte.
Die letzten 800 m bis zum Talboden waren widerlich. Der Pfad hatte sich in Luft aufgelöst. Es ging zwischen stacheligen Heckenrosen und Wacholderbüschen abwärts. Alles fluchen half nicht. Ich riss mir Haut und T-Shirt auf. Wäre wir doch auf dem Forstweg geblieben und nicht diesem blöden Track gefolgt…
Unten im Tal wiesen Schilder zur Quelle – Izvor Zrmanje. Ein Pfad führte flussauf. Am Ufer tauchten nette freie Flecken auf, die sich hervorragend für ein Biwak eignen würden. Wir liefen aber erstmal weiter. Vorbei an einem kleinen Friedhof mit teils zerfallenen Gräbern gelangten wir an eine Mauer, die sich über den Bach spannte. Aus mehreren Öffnungen ergossen sich sprudelnd Wasserläufe in den Bach. Das Wasser war klar und kalt.

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Das Bachbett am Fuß des Poštak ist voller Geröll aber ohne Wasser.

Der Pfad führte noch weiter. Anne blieb an der Mauer ich wollte schauen wo der Pfad hinführte. Laut Karte sollte die eigentliche Quelle noch kommen. Doch es kam nichts mehr der Pfad endete am Wandfuß des Poštak. Das Bachbett war voller Geröll aber ohne Wasser.
Zurück bei Anne füllten wir alle Flaschen auf und bauten an einem der hübschen Biwakplätze am Ufer unser Zelt auf. Das Wetter war unbeständig, immer wieder wechselten Sonnenschein mit Regenwolken. Doch es tröpfelte nur leicht, so dass wir vorm Zelt unseren Kaffee trinken und Spinatnudeln essen konnten. Ein Wermutstropfen hatte unser Plätzchen, oberhalb der Schlucht musste die Bahnlinie verlaufen, immer wenn ein Zug kam drang das Rumpeln der Waggons und das Quietschen der Bahnräder bis zu uns ins Tal…

100

Das Rauschen eines Fließgewässers wirkt sich nicht positiv auf mein Schlafverhalten aus, das konnte ich nun als Erfahrung verbuchen. Trotzdem, der Biwakplatz war nett. Mit vollen Trinkflaschen brachen wir auf, unser Ziel – Knin.

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Am Ortseingang von Zrmanja.

Der Weg führte uns erst einmal durch das Dorf Zrmanja. Vor einem Krieger-Denkmal das den Gefallenen im Zweiten Weltkrieg (1941 – 1943) gewidmet war sprudelte ein Brunnen. Wir hätten also auch hier Trinkwasser tanken können.
Das Zrmanja-Tal ist durch Landwirtschaft geprägt, meist Weidewirtschaft – Kühe und Schafe. Unsere Route folgte mal mehr, mal weniger gut sichtbaren Feldwegen und endete plötzlich an einem Gehöft. Ein Haus- und Hofköter zerrte kläffend an seiner Kette als er uns gewahr wurde. Über den Hof schlürfte der Hausherr heran.
„Italiano?“ fragte der Mann, als wir uns nach dem Weg nach Knin erkundigten. Er hatte 30 Jahre in Italien gearbeitet, berichtete er stolz.
Die nächste Frage war gut: „Pivo, Vino, Rakija?“ Die Einladung nahmen wir gern an. Petar war 70, er lebte hier mit seiner Frau Rada und seinem Vater Milan. Sein Sohn arbeitet jetzt in Belgrad, erzählte er uns. Ich wunderte mich, dass jemand aus Kroatien in Belgrad schaffen ging, dann dämmerte es. Hier im Tal der Zrmanja leben noch Serben. Viele der Krajina-Serben wurden im Krieg vertrieben. Die meisten, die noch hier leben sind alt. So alt wie Petar’s Vater waren jedoch wenige, dachte ich. Er war 100 Jahre alt. Sein ganzes Leben hatte er hier auf dem Hof verbracht.
Der Opa setzte sich mit an den Tisch. Petar zeigte auf uns und sagte: „Schwobe“. Wie es schien war das der allgemein anerkannte Begriff für Deutsche. Immerhin lebten auch im serbischen Teil des Banats die Donau-Schwaben. Der Opa verstand. „Nemački dobro!“ Er schüttelte uns die Hand und Tränen traten ihm in die Augen…
Rada brachte Schnaps und kochte noch Kaffee, dann wurde es für uns aber auch Zeit weiter zu laufen. Wir machten noch Abschiedsfotos, Petar brachte uns zum Hinterausgang und zeigte uns wo wir weiterlaufen mussten. Dobro!

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Anne mit Opa Milan (100).

Der Weg endete bald wieder vor einem Tor. Nicht gut. Das Gehöft schien unbewohnt. Aber von dort ging es nicht weiter. Eine Brücke führte über den Fluss, die es laut Karte gar nicht geben durfte. Auf der anderen Seite der Zrmanja folgte eine schmale Asphaltstraße dem Tal.
Anne entdeckte nach ein paar Metern auf der gegenüberliegenden Seite wieder einen Pfad. So wechselten wir an der nächsten Brücke abermals die Seite.
Zum dritten Mal endete der Weg vor einem Grundstück, es war zum Haare raufen. Ein Schild verbot es das Grundstück zu betreten. Eine Umgehung fanden wir nicht und der Track sagte etwas anderes. Wir mussten hier durch. Ich ärgerte mich über diese bescheuerte Wegführung. Anne war der Meinung, dass der Grundstückseigentümer den Weg wiederrechtlich vereinnahmt hatte. Wie dem auch sei. Wir kletterten über den Zaun und gelangten auf einen breiten Fahrweg.
Es war mittlerweile Mittag und sehr heiß. An einem kleinen Bach hockten wir uns für ein Päuschen in den Schatten eines Baumes.
Der Weg verließ nun das Tal und wandte sich bergwärts. Leider dauerte es nicht lang und von einem Weg war nichts mehr zu sehen. Ein Wacholderdickicht versperrte uns den Aufstieg. Es gab kein Durchkommen, wollten wir uns nicht die ganzen Klamotten zerfetzen. Ich hatte keine Lust mehr wie ein Igel herumzulaufen, blutig und mit Stacheln im Genick. Wir traten den Rückzug an.
Bei Palanka erreichten wir die D1 und standen nicht mal 5 Minuten als ein Auto hielt!
Die junge Frau war begeistert, dass wir in diesen Zeiten (Corona) den Mut hatten hier herumzureisen. Es dauerte keine viertel Stunde und wir wurden in der alten Königsstadt Knin vor einem Restaurant abgesetzt. Was sich als Fehler herausstellte. Nach Bier und Schweppes suchten wir die Touristeninfo auf, um nach einer Unterkunft zu fragen. Wir brauchten nicht lang zu suchen, dumm war nur, dass die Touri-Info nur bis 15 Uhr geöffnet hatte, es war jetzt 15:10 Uhr…
Laut Karte gab es in Knin nur 2 Hotels und beide lagen etwas außerhalb auf der anderen Seite der Stadt.

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Knin im Tal der Krka.

Das Hotel Ivan lag etwas näher als das Hotel Mihovil, obwohl Hinweisschilder auf letzteres schon von hier hinwiesen. Immerhin lagen beide nicht weit weg von der Via Dinarica, was uns die 3 ½ Kilometer etwas motivierter zurücklegen lies.
Das Hotel Ivan war zu. Lediglich ein Fenster stand einen Spalt breit auf, aus dem ein Schlauch herausführte und im Swimmingpool verschwand. Nun blieb nur noch das Mihovil. Also noch mal einen knappen Kilometer laufen.
Wir hatten Glück. Ob wir Corona hätten, wollte der Mann an der Rezeption wissen. Ich hätte ihm was husten können. Versicherte ihm dann aber doch, dass die Berge in Kroatien virenfrei seien.
Wir bekamen ein Zimmer für 40 Euro und zum Abendessen Grillplatte. Morgen wollten wir Knin etwas näher kennenlernen.

K & K – Knin und Krka

„There are places and cities whose unusual beauty wins the hearts of visitors in a moment, and one of them is the city of Knin…“

Soweit die Werbung in einem Infoheft über Knin, welches uns die Dame in der Touristeninfo in die Hände drückte. Nun ja, noch hatte ich die Stadt nicht in mein Herz geschlossen. Das Gefühl auf einem Kasernenhof zu wandeln ließ mich nicht los. Da gab’s die Ulica 4. Gardijske Brigade, die Ulica 7. Gardijske Brigade oder den Trg Oluje. Außerdem musste ich in noch keiner anderen Stadt fast 4 km laufen, um ein Hotel zu finden!

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Die orthodoxe Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche.

Aber die Dame in der Touri-Info war wirklich kompetent. Wir bekamen nicht nur einen Stadtplan von Knin mit allen nötigen Informationen zu Sehenswürdigkeiten (Festung, Krka-Quelle, Krka-Nationalpark) und Unterkünften. Das Restaurant „Tri Lovca“ lag sehr zentrumsnah und hatte auch Zimmer. Es gab auch eine Karte vom höchsten Berg Kroatiens, der Dinara, gratis!
Leider waren die Infos zum Krka-Nationalpark recht ernüchternd. Um in den Nationalpark zu gelangen brauchten wir ein Taxi, alternativ hätten wir trampen können. Wandern war dort nur beschränkt möglich. Wir wollten es trotzdem versuchen. Bei 37 °C auf die Dinara zu steigen dünkte uns als keine gute Alternative.
Immerhin bot sich Knin hervorragend an für einen Outdoor-Einkaufsbummel. Wir bekamen Kocherbenzin im Baumarkt (Kartuschen suchten wir vergeblich), eine neue Wanderhose für Anne und konnten auch unser Depot an Nüssen aufstocken.

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Das Innere der Burg dient als Kriegsmuseum.

Von der Burg (30 HRK/Person) hatten wir einen schönen Blick auf die Stadt und die umliegenden Berge, von denen einer in Flammen stand. Das Innere der Burg diente als Kriegsmuseum. Eine Ausstellung über den Kroatien-Krieg vermittelte uns, dass die Serben die Bösen waren. Draußen auf dem Burggelände arbeiteten Soldaten, die Fahnenmasten aufstellten. Irgendwas musste in den nächsten Tagen eine Bedeutung haben…
Den Abschluss unseres Sightseeing bildete ein Besuch der Krka-Quelle – Izvor Krke, unsere dritte Karstquelle. Sehr schön zwischen Felsen eingebettet. Es war nur nicht so ruhig wie an der Zrmanja-Quelle.

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Die Krka-Quelle ist für Touristen leicht zugänglich.

Zurück im Hotel erwartete uns heute eine Spezialität: Pašticada, ein dalmatinischer Sauerbraten dazu ein erfrischender Graševina-Weißwein.

Da wir nun schon zwei Krka-Quellen kannten, die bosnische Krka (2017) und die kroatische Krka (gestern), wollten wir jetzt auch der Krka-Schlucht einen Besuch abstatten. Leider gab es keine Busse, die von Knin in die Richtung fuhren, wir mussten ein Taxi nehmen.
40 Euro hätte es vom Hotel bis Roški slap, dem Nationalparkeingang, gekostet. Das schien uns doch etwas zu teuer. Also vertrauten wir auf die kompetente Touri-Info.
Die Dame in der Info telefonierte kurz und nach ein paar Minuten saßen wir im Taxi in Richtung Nationalpark – für 30 Euro. Es ging durch Kroatiens Weinregion. Laut Taxifahrer werden hier die Sorten Babić, Debit und Merlot angebaut.

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Das Hotel Roški slap, unsere Unterkunft im Krka-Nationalpark.

In Roški slap hieß alles Roški slap, der Eingang, der Wasserfall, das Hotel. Das 3-Tages-Ticket kostete 320 HKR (≈ 44 EUR). Der Chef vom Hotel Roški slap sprach deutsch. Wir buchten zwei Nächte und gingen anschließend auf Entdeckungsreise. Unser erstes Ziel ließ sich nur per Boot (100 HRK) erreichen, das Kloster Krka im Tal Carigradska draga.
Der Schlepper der uns am Nationalparkeingang dazu überredet hatte, hatte nicht zu viel versprochen. Das türkisfarbene Wasser des Flusses durchbrach enge Felsschluchten, an den bewaldeten Ufern zu beiden Seiten flatterten Enten, Eisvögel, Gänse, Möwen, Kormorane und Reiher auf.

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Das Kloster Krka, ein serbisch-orthodoxes Gotteshaus, ist dem heiligen Erzengel Michael gewidmet.

Bald wurde das Ufer seichter und zwischen den Bäumen zeigte sich ein Kirchturm. Dieser gehörte dem Kloster Krka, einem serbisch-orthodoxen Gotteshaus, dass dem heiligen Erzengel Michael gewidmet ist. In dem sich auch eine Priesterschule befindet. Fünft Jahre dauerte die Ausbildung zum Priester, erzählte uns der Touri-Führer.
Der Platz war schon geschickt ausgesucht, versteckte Lage, es gab Trinkwasser und früher wurde auch mehr Landwirtschaft betrieben, der Fluss diente als Transportweg und Wasserreservoir.
Wir stiegen hinab in den Keller, wo die Mönche ihre Leichen stapelten. Hinter einer Glasscheibe blickte man auf einen Haufen Knochen, die aus den Katakomben ans Licht befördert wurden. An der Kellerwand, die aus Flusssediment bestand, zeugten Zeichnungen (z. B. ein Fisch) von der angeblich frühchristlichen Epoche des Klosters.

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Was wird hier Feines entstehen?

Draußen auf dem Hinterhof befassten sich die Klosterbewohner mit weit weltlicheren Dingen. In der prallen Sonne, in Reih und Glied fristeten Gläser mit Kirschen ihr Dasein und warteten auf den Gärprozess…
Unterhalb des Wasserfalls Roški slap gibt es einen kleinen Badestrand, der recht gut besucht war. Was bei den Temperaturen auch nicht weiter verwunderte. Das Wasser war selbst für mich wohltemperiert auch wenn der Bereich zum schwimmen etwas eng begrenzt war. Passend zur Gegend beendeten wir den Tag bei Forelle mit Weißwein.

Neben den Wasserfällen, die jetzt Ende Juli gar nicht so spektakulär waren, gibt es noch eine weitere Attraktion in Roški slap, die Oziđana Höhle. Um zu der Höhle zu gelangen hieß es Treppen steigen. 517 Stufen sollen es sein. Wir hatten nicht nachgezählt, standen aber vor verschlossenem Höhlentor, da wir noch zu früh dran waren. Die Höhle öffnet erst um 10 Uhr.

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Man gelangt hierhin über Treppen oder durch Reibungskletterei.

Egal, wir stiegen noch ein paar Treppen höher und folgten den Schildern zu einem Aussichtspunkt, von dem aus der südliche Teil der Krka-Schlucht zu sehen war. Hinab ging es über glatte Felsplatten. Ein Education-Trail (Lehrpfad für die, die noch deutsch sprechen) brachte uns zurück zum Hotel.
Hatten wir gestern den nördlichen Teil der Schlucht bis zum Krka-Kloster erkundet, sollte es um 12:30 Uhr in den südlichen Teil zur Konkurrenz gehen. Das Franziskaner-Kloster der barmherzigen Muttergottes Visovac auf der Insel Visovac im See Visovac…
Auf dem Deck des Bootes herrschte Maskenpflicht, es kostete wie gestern 100 HRK. Trotzdem war der Ausflug weniger lohnend. Es gab keine Führung, wir konnten uns auf der Insel und im Kloster kurz umsehen. Statt Knochen aus den Katakomben oder gärende Kirschen gab es Fotos von zerstörten Kirchen in Sveti Rok und Knin zu sehen (böse Serben).

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Das Franziskaner-Kloster der barmherzigen Muttergottes.

Auf der Rückfahrt kam uns ein Boot entgegen, dass zurück nach Skradinski buk fuhr, am Südende des Nationalparks. Wäre es vielleicht möglich mit diesem Boot morgen mitzufahren? Dann würden wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir könnten uns noch die Wasserfälle anschauen und von Skradin war es nicht weit bis Šibenik, von wo es eine Zugverbindung zurück nach Knin gab.

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