Wanderkompromisse in Corona-Zeiten (Juni – August 2020 – Slowenien, Kroatien)

Nationalpark Paklenica
Nationalpark Paklenica

Eine zweite Chance werde ich nicht bekommen. Das war mir im Sommer 2014 noch nicht klar als ich das Angebot meines Arbeitgebers nutzte und ein sogenanntes Langzeitkonto einrichtete auf das ein Teil meines Gehalts floss. So hatte ich die Gelegenheit in ein paar Jahren mich für 6 Monate vom Dienst freistellen zu lassen.
Mit Anne schmiedete ich Reisepläne, in den Osten sollte es gehen. Mit der Ukraine sollte es beginnen und über Russland wollten wir weiter nach Georgien und Armenien, vielleicht sogar bis in den Iran.
Im September letzten Jahres bekam ich es dann offiziell – meine Freistellungsvereinbarung vom 18.05.2020 bis 13.11.2020. Dann kam CoviD-19!

Am 14. März kamen wir von einem Sprachkurs aus Königsberg nachhause. Noch kurz bevor Polen seine Grenzen schloss. Am 21. März ging Freiburg in den so genannten Lockdown, ganz Deutschland folgte. Das war’s! An eine Reise, wie wir sie geplant hatten war nicht mehr zu denken. Das lag nicht nur an der nationalen Corona-Politik. Auch die Ukraine war dicht und für Russland bekam man nicht mal mehr ein Visum…
Meine Freistellung verschieben durfte ich ebenfalls nicht, alles war nach Tarif geregelt und arbeitsrechtlich korrekt, wie mir die Personalabteilung versicherte. Immerhin zeichnete sich ab, dass ab Mitte Juni zumindest einige Länder Europas ihre Grenzen wieder öffnen würden. Eine Alternative musste her.
Wir fanden sie in Form eines Fernwanderweges, der in Slowenien beginnt und über Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro bis nach Albanien führte – die Via Dinarica.

Das Tor ist offen!

Am 15. Juni sollten die Corona-Kontrollen an den Grenzen von den meisten EU-Staaten enden. Uns war klar: Jetzt oder nie – das Tor war offen! Ob es aber auch offen bleiben würde? So begann am 15. Juni auch unsere Reise. Die Wanderung wollten wir in Slowenien in Postojna beginnen, dort wo auch die Via Dinarica beginnt.

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Postojna – das Städtchen im slowenischen Karst ist Ausgangsort für unsere Wanderung auf der Via Dinarica.

Von Mannheim bis Villach ging es ohne Probleme mit der Bahn. Die Weiterreise nach Ljubljana gestaltete sich schon nicht mehr so leicht. Zwar war auch die Grenze von Österreich nach Slowenien formal offen, nur es fuhr weder Zug noch Bus.
Die einzige Zugverbindung nach Ljubljana führte über Klagenfurt, Bleiburg und Maribor, was für uns einen beträchtlichen Umweg darstellte. Was die Busse betraf, lag das an fehlenden slowenischen Lizenzen für österreichische Busunternehmen. Das hatte ich bereits in Deutschland in Erfahrung bringen können und konnte entsprechend reagieren.
Über Kiwitaxi buchte ich eine Fahrt nach Ljubljana, 108 Euro kostete uns die Fahrt. Dan, unser Taxifahrer wartete bereits am Bahnhofseingang mit einem Schild in den Händen auf dem mein Name stand. Als unsere Rucksäcke im Kofferraum verschwanden, konnte es los gehen. Wenn nichts dazwischenkam würden wir in knapp 1 ½ Stunden die slowenische Hauptstadt erreichen.
Doch etwas kam uns dazwischen. Zwischen Österreich und Slowenien liegt der Karawankentunnel und dort stauten sich die Urlauber mit ihren Wohnmobilen und Camping-Anhängern. Die meisten aus Deutschland und von ihrem Aussehen her, sicher der Risikogruppe zugehörig…
„Normalerweise kein Problem.“ versicherte uns Dan. „Aber die Polizei kontrolliert an der Grenze.“ Ich schaute etwas ungläubig. War das Tor doch noch verschlossen? „Erst morgen werden die Grenzkontrollen eingestellt.“ erklärte Dan. „Aber kein Problem. Wir haben ein slowenisches Nummernschild. Die kontrollieren nur Ausländer.“
Nun hieß es warten. Nach einer Stunde ging es endlich weiter. Am anderen Ende des Tunnels erwartete uns tatsächlich ein Kontrollposten. Aber der schaute nicht mal richtig auf die Ausweise und winkte uns durch.
Gegen 19:30 Uhr hielten wir vor dem Avtobusna Postaja – dem Busbahnhof von Ljubljana. Wir hatten noch 20 Minuten, bis der vorletzte Bus weiter nach Postojna fuhr. So konnten wir Fahrscheine kaufen und im Rakija-to-go-Restaurant am Bahnhof noch mal pinkeln gehen. Immerhin brauchten wir uns nun nicht um eine Unterkunft in Ljubljana zu kümmern.
Der Bus fuhr vom Bussteig 12 und zwar pünktlich. Die Jugend trug Maske, die Angehörigen der Risikogruppe meist nicht…
Als wir in Postojna aus dem Bus stiegen dämmerte es bereits. Bis zu unserer Unterkunft waren es etwa 500 m. Anne hatte das Gästehaus Mondin bereits in Deutschland gebucht.
„Ein Restaurant?“ Die Frage unserer Wirtin war eher rhetorischer Natur, als wir uns nach einer Möglichkeit zum Abendessen erkundigten. „Es gibt nur eine Pizzeria „Ćuk“ aber die schließt um 22:00 Uhr.“ Es war jetzt kurz nach Neun…
Trotz der wagen Wegbeschreibung gelangten wir zu besagter Pizzeria und mit einem slowenischen Refošk (Anne) sowie einem Tućeno pivo – vom Fass (ich) – und einer Pizza-Postojna ließen wir den Tag ausklingen. Morgen wollten wir unseren Einstieg ins Dinarische Gebirge entsprechend beginnen. Dem Karstcharakter dieser Berge Rechnung tragend, wollten wir die Postojnska jama, die Höhlen von Postojna besuchen.

Fasten in der Finsternis

Postojnska jama das ist nicht irgendeine Tropfsteinhöhle sondern ein ausgedehntes 24 km langes Höhlensystem – übrigens das größte Höhlensystem Europas und das zweitgrößte der Welt – welches teilweise für Besucher zugänglich gemacht wurde.

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Ein Loch im Fels, der Eingang zur Höhle Postojnska jama.

Die erste Führung beginnt um 11 Uhr, wegen Corona gibt es nur zwei Führungen am Tag von 90 Minuten Dauer. Wir haben noch etwas Zeit bis es losgeht. 25,80 Euro kostete der Besuch pro Person.
Bereits der Eintritt in die Höhle gestaltete sich anders als bei meinen Höhlenbesuchen in der Vergangenheit, mit einem E-Bähnle und Audio-Guides ausgestattet ging es ins Erdinnere. Gewaltige Kronleuchter hängen an der Decke eines Höhlensaals. Nach 3,7 km stoppte unsere Bahn, nun ging es zu Fuß weiter.
Der Pivka-Fluss hatte hier ganze Arbeit geleistet. Sintersäulen aus braunem, gelbem und grauen Kalkstein säumen den Weg. Der größte von ihnen misst 16 m und wird der „Wolkenkratzer“ genannt. Den Höhepunkt bildet ein schneeweißer Stalagmit aus reinem Kalzit – der „Brillant“ genannt.

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Der „Brillant“ aus reinem Kalzit das Highlight der Postojna-Höhle.

Neben den Tropfsteingebilden hat die Postojna-Höhle noch eine Attraktion zu bieten – den Grottenolm. In einem Glaskasten tummelten sich einige Exemplare des blassen und blinden Schwanzlurchs herum. Der Grottenolm lebt nur in den Höhlen des Dinarischen Gebirges und ist ein echter Überlebenskünstler. 10 Jahre soll er ohne Nahrung auskommen, dass nenne ich Survival…
Unser Höhlenbesuch endete im Hauptpostamt. Ja, hier gibt es eine Poststation unter Tage. 1899 wurde das erste und einzige unterirdische Postamt der Welt eröffnet. Für 60 Cent gab’s eine Ansichtskarte und für 2 Euro eine Briefmarke plus Sonderstempel.
Neben der Post wartete schon die Bahn und in wenigen Minuten erblickten wir wieder das Tageslicht.

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Schon ein Maskottchen – der Grottenolm aus der Postojnska jama.

Wir genehmigten uns einen Cappuccino im Höhlenrestaurant in der Nähe des Eingangs und schlenderten ein Stück am Pivka-Fluss entlang zurück in den Ort. Postojna selbst war wie leergefegt. So entschlossen wir uns zu einem kleinen Spaziergang hinauf zum Burgberg. Zwischen Berglauch und Baldrian schlängelt sich der Pfad bis zum Gipfel. Von der Burg Adelsberg sind nur noch Ruinen erhalten. Graue Wolken zogen aus Richtung Alpen herüber. Von hier hatten wir einen guten Überblick auf unseren morgigen Weg auf der Via Dinarica.
Mit Salat, Laško-Bier und einem slowenischen Rotwein Teran Kras auf unserem Zimmer ließen wir unseren ersten Reisetag in Slowenien ausklingen.

Kleine Kräuterkunde

Mit einem reichhaltigen Frühstück im Bauch brachen wir auf. Unsere Gastgeber taten das gleiche. Sie an die kroatische Adriaküste um Ferien zu machen, wir auf die Via Dinarica in Sloweniens Wälder.

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Der weiße Punkt mit rotem Ring wird auf dem Rest der Tour unser Begleiter sein – mal mehr, mal weniger.

Mein GPS leitete uns sicher aus der Stadt in Richtung Süden. Unter der Bahnlinie hindurch und über die Autobahn hinweg, vorbei an einem Partisanendenkmal gelangten wir an den Waldrand. Der weiße Punkt mit rotem Ring an einem Baum zeigte uns, dass wir richtig lagen.
Wald hat Slowenien genügend fast 60 % des Landes bedecken Wälder. Durch diese Wälder zieht sich ein dichtes Netz an Forstwegen und auf diesen werden wir die nächsten Tage unterwegs sein.

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Durch den Wald zieht sich ein dichtes Netz an Forstwegen und auf diesen werden wir die nächsten Tage unterwegs sein.

Jetzt, Mitte Juni sollte eigentlich die Zeit reif sein für Sommerpilze. Was Pilze betraf hatten wir auf unserer Herbsttour vor 2 Jahren im Triglav Nationalpark gute Erfahrungen gemacht.
Doch jetzt wurden wir enttäuscht, nicht ein Hut zeigte sich zwischen Moosen und Wurzeln am Waldboden. Dafür wuchsen am Wegesrand Kräuter.
Anne erkannte Bärlauch, der jetzt Früchte trug und Süßdolde, die am Wegrand wie Unkraut wucherte. Auf lichten Stellen blühte Thymian und wuchs wilder Oregano. Am Boden krabbelten graue Käfer mit schwarzen Punkten – Alpenböcke.
Wir folgten Holzschildern mit der Aufschrift „Pivka“. An den Wegkreuzungen lagerten gefällte Baumstämme. Schilder wiesen darauf hin, dass diese Plätze mit Videokameras überwacht würden. Gab es hier Holzdiebstahl?
Was es nicht gab war Wasser. Obwohl der Wald vor frischem Grün nur so strotzte. Bäche oder Quellen gab es keine. Aufgrund des kalkigen Untergrundes versickerte das Wasser sofort in tiefere Schichten. Dieser permanente Wassermangel sollte uns auf der gesamten Tour begleiten. Zum Glück hatten wir in Postojna alle unsere Trinkflaschen gefüllt. Jeder schleppte somit 3 Liter Wasser mit sich herum.
Ein Mann fuhr langsam mit seinem Auto an uns vorbei und hielt nach eine paar Metern. Wie sich herausstellte hatte er sein Handy verloren und versuchte es nun irgendwie zu orten. Nebenbei erklärte er uns, dass Corona hier in Slowenien kein Problem sei, aber auf dem Balkan, er meinte Bosnien, sähe es gar nicht gut aus… Nun bis dahin ist es noch weit und es kann viel passieren, dachten wir uns.
Nach über 17 km und etwa 5 ½ Stunden erreichten wir ein kleine Blumenwiese.

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Wir waren gleicher Meinung, dass wir für den ersten Tag genug gewandert waren und bauten auf der Wiese unser Zelt auf.

Gegenüber erhob sich ein altes Forsthaus mit noch genutztem Garten, das laut Karte kurioserweise den Namen Neues Haus – Nova Hiša – trug sowie eine kleine Kappelle. Wir waren gleicher Meinung, dass wir für den ersten Tag genug gewandert waren und bauten auf der Wiese unser Zelt auf. Ich kochte den Feierabendkaffee und Anne chinesische Nudeln und Zwiebelsuppe zum Abendessen. Morgen sollte unsere oberste Priorität der Trinkwassersuche gelten.

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Ich koche den Feierabendkaffee.

Wildschweinwurst mit Kartoffelpilz

Waldvögel vor dem Zelt und Ameisen im Zelt trieben mich am Morgen aus dem Schlafsack. Das Wasser dampft als Anne die Thermosflasche öffnet und unsere Kaffeetassen auffüllt. Der Morgenkaffee treibt uns den letzten Schlaf aus den Augen, die graue Müsli-Brei-Mischung alleine hätte das nie vollbracht.

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An einer Wegkreuzung verließen wir den Weg nach Pivka und schlugen einen nach Mašun ein.

Bald schritten wir wieder den Forstweg entlang. Noch drückte der Rucksack nicht auf den Schulter. Ich war mir sicher, dass würde sich bald ändern. An einer Wegkreuzung verließen wir den Weg nach Pivka und schlugen einen nach Mašun ein. Laut Karte sollte es dort eine Einkehrmöglichkeit geben.
Ob wir diese auch erreichen würden stellte sich in der nächsten Kurve als fraglich heraus, denn unser GPS-Track machte einen Luftsprung querfeldein in den Wald. So blieb auch uns nichts weiter übrig als in die Richtung zu laufen in der der Track irgendwann wieder auftauchen würde. Wege wurden auf unserer OSM-Karte nicht angezeigt.
Ein halb zugewachsener Forstweg mündete plötzlich auf einen schmalen Pfad, der sogar mit einem roten Kreuz markiert war. Wir folgten dem Pfad und bald erreichten wir wieder einen Weg auf dem auch unser Track entlangführte. Weshalb man die Via Dinarica nicht öfter über schmale Waldpfade geführt hatte? Es scheint sie ja zu geben.

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Unsere Wasserstelle im Tal Jurjeva dolina – Georgstal.

Was es weiterhin nicht gab war Wasser. Wir erreichten eine Wegkreuzung mit einer Lichtung auf der ein Haus stand. Ein Holzschild verkündete wo wir waren: Jurjeva dolina – Georgstal. Das Haus schien eine Jagdhütte zu sein. Vielleicht gab es ja hier Wasser. Und tatsächlich eine Tür ließ sich öffnen und führte in eine Art Werkstatt in deren Innern sich ein Wasserhahn befand. Wir füllten unsere Flaschen auf – das Problem war fürs Erste gelöst.
Der Forstweg bis Mašun schien kein Ende zu nehmen erst nach rund 3 Stunden lichtete sich der Wald und links auf einer Wiese erhob sich eine Art Jagdschlösschen im Stil Disneyland.
Viel interessanter fand ich jedenfalls die Gostišče – das Gasthaus, unsere lang ersehnte Einkehr. Wir kehrten jedoch nicht ein sondern hockten uns draußen an die massiven Holztische, unter den grimmigen Blicken eines Holzbären.
Die Speisekarte des Waldgasthauses führte genau das auf, was hier in den Wäldern so herumlief. (Von Zeit zu Zeit soll es hier sogar Bärenfleisch geben.) Ich bestellte einen Teller Wildschweinwurst (klobaso divji prašića, 7,00 EUR) mit Brot und als Hauptgang gab es für uns beide Wildschweinbraten mit grünem Pfeffer (divji prašič z zelenim poprom, 19,00 EUR). Die Kartoffelbeilage hatte die Form eines Steinpilzes. Zur Abkühlung gab’s Goldhornbier (Pivo Laško Zlatorog, 2,70 EUR).

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Wildschweinbraten mit Kartoffelpilz.

Gesättigt und guter Laune konnten wir unseren Weg fortsetzen. Dieser war jetzt mit einem rot-gelben Punkt markiert und trug die Bezeichnung E6. Wir würden den höchsten Punkt des slowenischen Karsts also auf einem Europäischen Fernwanderweg erreichen. Heute jedoch würden wir nichts mehr erreichen. Das Essen hatte nicht die erhoffte Wirkung, die Beine wurden immer schwerer, zumal es ab Mašun stetig bergauf ging. Wir waren froh als linker Hand eine Hütte am Wegrand auftauchte. Koča Škrli stand an dem Gebäude, dass leider verschlossen war. Doch dahinter bot sich eine Platform förmlich an, um unser Zelt aufzubauen. Einziges Manko, es gab wieder kein Wasser in der Nähe.

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Feierabend an der Koča Škrli.

Auf meiner Karte entdeckte ich eine Quelle, leider 4 km entfernt. Ich wagte es trotzdem, schnappte mir alle Wasserflaschen und marschierte los. Zwei Stunden später konnten wir literweise Tee kochen. Hunger hatte keiner mehr…

Schnee auf dem Schneeberg

Wie bereits gestern geht es weiter auf dem E6. Erst auf breitem Forstweg, kurze Zeit später auf schmalem steilen Rückeweg. Ein kalter Wind pfiff uns um die Ohren. Je höher wir stiegen desto ungemütlicher wurde es. Tannen lösen die Buchen ab, Bergkiefern die Tannen. Der Kamm zwischen Mali Snežnik (Kleiner Schneeberg, 1694 m) und Veliki (Notranjski) Snežnik (Großer oder Krainer Schneeberg, 1796 m) lag im Nebel. Der Adria-Blick würde uns heute verwehrt sein.

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Ein kalter Wind pfiff uns um die Ohren.

Kaum hatten wir die Baumgrenze erreicht fing es an zu donnern. Eine Kreuzotter verschwindet im Latschengestrüpp auf dem Gipfel des Kleinen Schneeberges. Der Weg nur noch ein schmaler Bergpfad schlängelt sich durch Latschendickicht und über graue Kalkfelsen in Richtung Hauptgipfel. Rechts unter uns drei Wanderer, die ersten seit unserem Tourstart.
Als die ersten Regentropfen fielen kramten wir unsere Ponchos aus dem Rucksack. Doch das Gewitter setzt so plötzlich ein, dass ich schon klatschnass bin bevor der Poncho seinen Dienst antreten konnte. Zumal heftige Windböen das Teil flattern lassen dass ich mir vorkam wie Marilyn Monroe auf dem Lüftungsschacht…
Die drei Wanderer, Slowenen die vom Skigebiet Sviščaki aufgestiegen sind, hatten uns mittlerweile überholt und standen schon fast vor dem Gipfelhaus, der Koča Draga Karolina na Velikem Snežniku. Da mussten wir auch hin und zwar schnell. Das Hauptgebäude war verschlossen aber dahinter gab es eine Notunterkunft, die uns Schutz bot. Kaum waren wir unter Dach und Fach als Hagelkörner an Fenster und Tür trommelten. Binnen kurzer Zeit lag eine etwa 10 cm hohe Schicht aus Eiskörnern vor der Tür. Der Berg machte seinem Namen alle Ehre und das kurz vor Sommerbeginn. Der Wind blies so heftig, dass die Vögel vor der Hütte Startschwierigkeiten hatten.
Der ganze Spuk dauerte reichlich 1 ½ Stunden, dann machten uns ein paar Sonnenstrahlen die durch die Wolkendecke brachen Mut den Abstieg anzutreten. Selbst ein Stück Adria zeigte sich am Horizont.

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Grüne Hügelketten so weit wir sehen konnten prägen die Landschaft.

Einen Schlenker zum Gipfel konnte ich mir nicht verkneifen, dann ging es auf schmalem matschigen Pfad steil nach unten. Die Sicht war besser als im Aufstieg. Grüne Hügelketten so weit wir sehen konnten prägten die Landschaft.
Vor unseren Füßen krochen alle paar Meter schwarze Alpensalamander über den Weg. Der Regen muss sie aus ihren Verstecken getrieben haben. Kaum hatte der Pfad einen breiten Forstweg erreicht fing es wieder an zu regnen. Die magentafarbene Linie auf meinem GPS zweigte nach rechts ab. Nur einen Weg konnten wir nirgends entdecken. Steil fiel der dicht bewaldete Berghang hinab ins Tal. Ich setzte meinen Rucksack ab und ging auf Erkundungstour, Anne wartete am Rand der Forststraße.

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Anne wartet am Rand der Forststraße.

Nach ein paar Metern gelangte ich auf einen verwilderten Forstweg der grob in die Richtung führte, die auch unser Track einschlug. Wir folgten dem Weg und erreichten nach einer halben Stunde eine große Wiese. Wildschweine hatten hier nach Fressbarem gewühlt. Es war jetzt 16:30 Uhr, Zeit Feierabend zu machen. Die Wiese bot sich an hier unser Zelt aufzubauen.
Wir hatten unser Outdoor-Hotel gerade ausgepackt und auf dem Boden ausgebreitet, bereit es aufzustellen. Als ein dunkler Pick-up auf die Wiese fuhr. Ein Typ stieg aus und gestikulierte in unsere Richtung. Wie sich herausstellte war er Jäger und wollte heute Abend auf der Wiese Wildschweine anfüttern. „Wollt ihr hier schlafen?“ fragte er auf Englisch. „Hm, wenn möglich“ entgegnete ich vorsichtig. „Bitte, lauft doch noch ein Stück bis zur nächsten Siedlung.“ „Sobald ihr die ersten Häuser seht, könnt ihr überall euer Zelt aufbauen.“ riet er uns. Ich versprach’s und er drückte mir noch einen 3-Liter-Kanister mit Trinkwasser in die Hand.
Anne war nicht sehr begeistert noch 1 ½ Kilometer laufen zu müssen. Aber es ging nur noch leicht bergab die Forststraße entlang.

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Gleich hinter dem ersten Haus auf einem Stück Wiese bauten wir unser Zelt auf.

Gleich hinter dem ersten Haus auf einem stück Wiese bauten wir unser Zelt auf. Außer uns waren nur noch ein paar Bauarbeiter in dem Ort der Leskova Dolina hieß. Als die Arbeiter Feierband machten waren wir die einzigen Dorfbewohner. Kaum hatten wir unseren Gemüsereis verputzt fing es wieder an zu regen. Zeit sich ins Zelt zurückzuziehen. Es war bereits dunkel als Schüsse fielen. Das hatten nun die Wildschweine von ihrer Verfressenheit…

Grenzerfahrungen

Regen, Regen und nochmals Regen. Die einzigen Handlungen am nächsten Morgen bestanden darin unsere Töpfe vor’s Zelt zu stellen und den Regentropfen an der Zeltwand zuzuschauen wie sie sich ihren Weg abwärts bahnten. Bald hatte ich 1 Liter Regenwasser in meiner Faltflasche.

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Am nächsten Morgen: Regen, Regen und nochmals Regen.

Gegen 9:15 Uhr ließ der Regen etwas nach. Wir beschlossen das Zelt abzubauen und in unsere Ponchos gehüllt weiterzulaufen. Die Via Dinarica beschreibt auf dieser Etappe einen seltsamen Bogen über Grad Snežnik (Schloss Schneeberg), um von dort meist auf Asphaltstraßen nach Kroatien zu gelangen.
Walderdbeeren am Wegesrand sorgten für etwas Abwechslung zu unseren Erdnüssen aus dem Rucksack. Gegen Mittag hatte sich die Sonne durchgesetzt, eine gute Gelegenheit auf einem Stück Wiese unser Zelt zu trocknen.
Anne sammelte derweil wieder Walderdbeeren, ich beobachtete schwarze Schmetterlinge mit roten Punkten, sogenannte Rotwidderchen. Schon beim Alpenbock fragte ich mich, weshalb Insekten den Namen von Säugetieren haben. Das bleibt wohl ein Rätsel der Wissenschaft…
Der Weiterweg hielt nicht nur kulinarische Leckerbissen wie Walderdbeeren für uns bereit, Anne fand sogar den ersten Pilz – einen Flockenstieligen Hexenröhrling und mich stach irgendein Vieh in den linken Oberschenkel.

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...Anne fand sogar den ersten Pilz – einen Flockenstieligen Hexenröhrling.

Die letzten Meter bis zum Schloss Schneeberg, einem Jagdschlösschen, dass dem deutschen Hochadel derer von Schönburg-Waldenburg gehörte, ging es über einen verwilderten Pfad. Da es hier keinerlei Einkehrmöglichkeiten gab, ließen wir das Schloss links liegen und liefen weiter. An der erhaltenen Inneneinrichtung aus dem 19. Jahrhundert hatten wir kein Interesse. Interessant war die Frage: Wo bekommen wir jetzt Wasser her?
Wir folgten der Straße in Richtung Kozarišče. Das Dorf wirkte wie ausgestorben, lediglich an der Brücke über den Bach Mali Obrh machten sich Bauarbeiter zu schaffen. Erst im Nachbarort Podgora pri Ložu hatten wir Erfolg. Zwei Männer werkelten vor ihrer Garage. „Vode?“ reichte als Frage. Einer der Beiden schnappte sich unsere Flaschen und verschwand im Haus. Kurz darauf konnten wir unseren Weg mit 3 Kilo mehr auf dem Buckel fortsetzen.
Bis zur kroatischen Grenze waren es noch etwa 8 ½ Kilometer Asphaltstraße. Was tun? Es war jetzt kurz nach 15 Uhr. Wir hatten zwei Möglichkeiten. Weiterlaufen und am Straßenrand nach einem Biwakplatz Ausschau halten oder zu trampen. Wir entschieden uns für letzteres. Auch wenn wir uns nicht viel Hoffnung machten. Wer würde in Zeiten der Corona-Panik schon halten, um zwei Wanderer mitzunehmen?

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Das in einer Karstsenke gelegene Tal Loška Dolina – Kroatien ist nicht mehr weit.

Doch wie so oft: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt! Bereits nach 1 ½ Kilometern hielt ein Auto. Ein Ehepaar aus Ljubljana dass unterwegs war zur kroatischen Adriaküste nahm uns mit. Im Handumdrehen waren wir in Babno Polje, dem kältesten Ort Sloweniens und Grenzort zu Kroatien.
Nun erwartete uns ein weiteres Problem. Laut den Einreisestimmungen nach Kroatien benötigen wir eine Reservierungsbestätigung für eine touristische Unterkunft. Die hatten wir natürlich nicht, wie auch?
Doch es wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Dame an der Grenze wollte lediglich wissen in welche Stadt wir fahren. Ich sagte Rijeka, das lag ja praktisch gleich um die Ecke. Wir bekamen ein Dokument, dass wir nicht verstanden und durften passieren.
Zwei Minuten später wurden wir in Prezid, dem kroatischen Grenzort abgesetzt. Zwei nützliche Dinge befanden sich gleich neben der Kirche, ein Postamt mit einem Geldautomaten, um Geld abzuheben und eine Kneipe (die „Turbo-Bar“), um Geld auszugeben. Anne gönnte sich einen Kaffee und ein Eis, ich ein Ožujsko pivo.

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Unser Biwakplatz kurz hinter Prezid am Hügel Kozji Vrh – dem Ziegengipfel.

Nun wurde es jedoch wirklich Zeit, nach einem Biwakplatz Ausschau zu halten. Wir fanden ihn auf einem Hügel hinter dem Dorf auf einem Stück Wiese. Mit Gedünstetem Hexenröhrling und chinesischen Nudeln sowie einem Liter Vranac Berba 2018 aus dem Dorfkonsum stimmten wir uns auf den kroatischen Abschnitt der Via Dinarica ein…

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