Wanderkompromisse in Corona-Zeiten (Juni – August 2020 – Slowenien, Kroatien)

Neue Verluste

Es war auch an diesem Morgen stark windig, irgendwie schien es als ob der Wind zum Velebit gehörte. Hinter dem Hostel-Restaurant führte der Weg in den Wald des südlichen Velebit. Unser Tagesziel sollte die Schutzhütte Šugarska duliba sein. Ab und zu erhaschten wir einen Blick auf die umliegenden Felsgipfel, wie auf der Bergwiese Sladovača. Der Weg war recht gut markiert aber eine neue Forststraße hatte den Wanderweg stellenweise verschüttet. Vermutlich war das auch ein Resultat des modernen Forstmanagments.

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Eine neue Forststraße hat den Wanderweg stellenweise verschüttet.

Um das Ergebnis eines modernen Forstmanagments zu dokumentieren, holte ich meine Kamera aus der Tasche und erlebte wieder eine Überraschung. Das Akku-Fach war offen und der Akku fehlte! Ich lief ein Stück zurück in der Hoffnung der Akku würde irgendwo im Dreck liegen, aber vergebens. Damit konnte ich auf dieser Wanderung den zweiten Verlust eines Teils meiner Fotoasurüstung verbuchen. Das so etwas bei einer Kamera passierte die rund 1500 Euro gekostet hatte wäre mir im Traum nicht eingefallen. Also Fujifilm, da gibt’s noch einiges nachzubessern und falls jemand einen Akku NP-W126S von Fujifilm findet, der gehört mir!
Leicht verdrossen lief ich weiter. Der Wald bot nicht die große Aussicht, hier überzeugten die kleinen Dinge. Blaue Glockenblumen und grünes Buchenlaub leuchteten im Gegenlicht, an umgestürzten Baumstämmen sprossen Austernseitlinge und Schuppige Stielporlinge.

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Schuppiger Stielporling (Cerioporus squamosus).

Nach etwa 7 ½ Kilometern an einem Ort der sich Šikić jatara nannte, teilte sich die Via Dinarica, rechts ging es auf dem Pfad Milkovića staza weiter. Wir wählten die linke Variante durch das Hochtal Ramino korito, da diese mit unserem Track identisch war und begegneten kurze Zeit später dem ertsen Wanderer. Ein Kroate, der von der Schutzhütte Šugarska duliba kam. Wir würden noch etwa 3 Stunden brauchen und heute nicht allein auf der Hütte sein, versicherte uns.
Es dauerte noch über 4 Stunden und es versprach eng zu werden heute Nacht, denn die Hütte schien bei Wanderern sehr begehrt zu sein.
Das Gebäude lies kaum Wünsche offen. Es gab fließend Wasser (zumindest solang die Pumpe funktionierte, was sie gerade nicht tat), Solarstrom, die beiden Stirnseiten waren komplett verglast und so ausgerichtet, dass man von einer Seite am Morgen den Sonnenaufgang, von der anderen Abends den Sonnenuntergang sehen konnte, vorrausgesetzt die Sonne schien. Und wenn man auf den benachbarten Hügel stieg hatte man sogar Handyempfang.

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Der Wind ist allgegenwärtig im Velebit.

Lediglich die Tür vom Klohäußchen öffnete sich zur falschen Seite…
Leider war der Schlafplatz sehr begrenzt. Wir rollten Isomatten und Schlafsäcke auf schmalen Ablagetischen aus. Die Rucksäcke schoben wir darunter. Neben den Individualwanderern traf am Abend noch eine organisierte Wandergruppe von 7 Personen plus Wanderleiter ein. Sie waren heute an der Schutzhütte Ždrilo gestartet, sahen aber aus als ob sie den gesamten Velebit an einem Tag durchquert hätten. Ein Großteil musste sich ertsmal den Blasen an den Füßen widmen. Zum Glück bauten die meisten ein Stück weiter am Waldrand ihre Zelte auf. Dort gab es auch einen Brunnen. Ein Eimer an einem Seil diente zum heraufholen des Wassers. Dummerweise hatte der Eimer kurz über dem Boden einen Ablasshahn, der sich nicht verschließen ließ. Somit gestaltete sich das Wasserholen etwas schwierig.

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Kochecke an der Schutzhütte Šugarska duliba.

Schwierig gestaltete sich auch das Kochen. Der Wind hatte bereits wieder Sturmstärke angenommen. Mit Benzin wollte ich nicht im Innern der Hütte kochen und draußen fand sich kein wirklich windegschütztes Plätzchen. Wir mussten selbst Windschutz spielen. Ein Sturmkocher war unser Trangia sicher nicht, auch wenn es die Werbung versprach. Trotzdem schafften wir es schließlich unseren Abendtee und zwei Portionen Pilznudeln herbeizuzaubern.

Mutterns Gartentricks

Schnarchen, rascheln, furzen – die bestimmenden Geräusche der letzten Nacht, die mir in Erinnerung geblieben waren. An schlafen war nicht mal im Traum zu denken. Immer wieder ertappte ich mich bei dem Gedanken, das Virus möge meinen Schlafgenossen direkt in die Nase fahren. So grübelte ich, während das morgendliche Kaffeewasser sprudelte, ob ein Pärchen Siebenschläfer nicht doch die angenehmeren Bettnachbarn waren.
Die geführte Wandergruppe war bereits eine Stunde unterwegs als wir uns auf den Weg machten.

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Im Westen leuchten goldene Inseln im blauen Wasser der Adria.

Die Sonne schien, in der Ferne erhoben sich die Berge des Nationalparks Paklenica, im Westen leuchteten goldene Inseln im blauen Wasser der Adria.
Nach rund 2 Stunden erreichten wir eine schmale Straße, an deren Rand ein Warnschild den Zutritt, das Beobachten und Fotografieren auf dem Weiterweg verbot. Der Weg führt zu einer verlassenen Militärbasis – Panos genannt. Unser Wanderweg zweigte vorher links ab und führte recht steil den Hang hinunter. Felsige Abschnitte wechselten ab mit sanften Waldwegen.
Bald hörten wir Stimmen hinter uns. Es waren Wanderer aus der Gruppe die heute Morgen vor uns gestartet waren. Sie mussten einen anderen Weg gelaufen sein, überholt hatten wir sie jedenfalls nicht.

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An der Schutzhütte Tatekova koliba hofften wir unsere Wasserflaschen auffüllen zu können.

An der Schutzhütte Tatekova koliba hofften wir unsere Wasserflaschen auffüllen zu können. Ein paar Meter hinter dem Gebäude gab es eine Wasserpumpe, die leider nicht funktionierte. So sehr wir auch den Hebel hoch und runter drückten, Wasser gab das Teil nicht her. Das war unsere einzige Hoffnung an Wasser zu kommen. Auf dem Weiterweg gab es erst mal keins mehr. Neben der Pumpe stand ein alter Eimer halbvoll mit trübem Wasser, das war sicher nicht zum Trinken geeignet. Doch mir kam eine Idee. Daheim im Garten meiner Mutter gab es auch eine altersschwache Pumpe die immer erst dann Wasser lieferte, wenn man von oben Wasser nachfüllte. Das Prinzip dahinter hatte ich zwar bis heute nicht verstanden aber es funktionierte.
Ich schnappte mir den Eimer, Anne bediente den Pumphebel, ich schüttete das Wasser in die Pumpe und siehe da nach ein paar Pumpzügen sprudelte klares Wasser aus dem Austrittsrohr.
Mit frischem Wasser in den Flaschen und Erdnüssen im Bauch konnte es weiter gehen. Es gab zwar auch ein paar nette Biwakplätze an der Hütte, aber um Feierabend zu machen war es noch zu früh. Über dem Karsttal erhob sich ein Felsen, der an einen Zuckerhut erinnerte. Stapina heißt der Buckel. Laut Karte sollte da sogar ein Weg hinaufführen. Wir konnten nichts erkennen. Vermutlich einer ab 8a+…

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Stapina heißt der Buckel.

So blieben wir ehrfurchtsvoll am Felsfuß stehen, machten ein paar Bilder und liefen weiter. Bald ging es wieder durch schattigen grünen Laubwald. Dunkelrote Türkenbundlilien blühten am Wegrand, am Abzweig zur Kamena Galerija (einem Felsenrundweg) hockten wir uns in den Schatten, eine kleine Pause war notwendig. Den Eingang zur Steingalerie bewachte eine Schwarze Witwe, auch eines der giftigsten Viecher in den Dinariden.
Die nächste Stunde ging es weiter durch den Wald. An einer kleinen Lichtung in der Nähe der Bergweiden von Račabuša entschieden wir zu biwakieren. Kuhglockengeläut drang durch die Bäume zu uns hinauf. Nach einer Weile erreichte auch die Wandergruppe unseren Biwakplatz, sie entschieden jedoch noch weiter zu laufen bis nach Veliko Rujno, dort würde am nächsten Morgen ein Transporter den Großteil der Wanderer abholen und nach Starigrad bringen, erzählte uns der Guide. Er wollte mit ein paar Teilnehmern noch eine Tour im Nationalpark machen. Da wir in Starigrad wieder unsere Tour unterbrechen wollten, empfahl er uns auch von Veliko Rujno weiter bis zur Berghütte Paklenica zu laufen und am nächsten Tag durch das Tal Velika Paklenica nach Starigrad abzusteigen. Der Weg lief im Gegensatz zur Straße Rujno – Starigrad mehr im Schatten. Wir wollten es uns überlegen.

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An einer kleinen Lichtung in der Nähe der Bergweiden von Račabuša entschieden wir zu biwakieren.

Ein Plastikrohr führte von der Almstation kommend durch den Wald an unserem Zelt vorbei. In der Hoffnung auf Wasser zu stoßen, folgte ich dem Rohr. Immer wieder verschwand die Wasserleitung im Gestrüpp, nach einer Stunde gab ich schließlich auf und ging zurück zum Zelt. Fürs Abendessen hatten wir noch genug Wasser.

Starigrad-Paklenica

Račabuša ist eine verlassene Hirtensiedlung, wie es sie oft hier im Velebit gibt. Doch das hieß nicht, dass es hier keine Hirten mehr gab.

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Račabuša ist eine verlassene Hirtensiedlung, wie es sie oft hier im Velebit gibt.

Der den wir am nächsten Morgen trafen, hätte auch einem Bilderbuch entsprungen sein können. Wilder Bart, faltige wettergegerbte Haut, lange graue Haarsträhnen hingen ihm in die Augen. Seine Hand streichelte zärtlich ein kleines schwarzes Lämmchen und ein Hirtenhund strich ihm um die Beine. Der Rest der Schafherde hatte sich auf der Bergwiese verteilt. Also von hier stammt der Velebitski sir, dachte ich mir. Es war das erste Mal, dass wir einem klassischen Berghirten begegneten.
„Stap?“ fragte er. Wir nickten und gaben ihm zu verstehen, dass wir weiter nach Starigrad wollten. Er zeigte nach Süden. Dorthin führte auch unser Bergpfad. Bald zeigte sich unter uns ein weites Plateau – Malo Rujno. Vertrocknetes Gras und vereinzelte Wacholderbüsche bildeten die Vegetation. Am Horizont erhoben sich graue Kalkberge im Dunst. Es hatte was von einer Wildweststimmung. Der Pfad war hier nicht gut zu erkennen aber man konnte sich praktisch kaum verlaufen. Hinter einem niederen Bergsattel breitete sich ein weiteres Plateau aus – Veliko Rujno.

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Bald zeigt sich unter uns ein weites Plateau – Malo Rujno.

Es war 9:30 Uhr, über 7 Kilometer steckten uns schon in den Beinen als wir die Kirche Unserer Lieben Muttergottes erreichten. An Maria Himmelfahrt am 15. August pilgern Gläubige an diesen Platz, um die Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel zu feiern.
Wir suchten hier etwas sehr Irdisches – Wasser. Es gab eine Zisterne mit einer Handpumpe. Leider schwammen lauter leere Plastikflaschen im Wasser. Wir füllten trotzdem unsere Trinkflaschen. Abgekocht würde es sicher noch taugen.
Auf dem freien Platz neben der Kirche hatte die Wandergruppe gelagert, das Gras war noch ganz plattgedrückt. Sie konnten noch nicht lang fort sein. Wären wir etwas früher hier gewesen, hätten wir vielleicht mit den Fußkranken mitfahren können bis Starigrad.
Wir entschieden uns dennoch der Straße nach Starigrad zu folgen und nicht den Weg durch den Nationalpark zu nehmen. Vielleicht hatten wir ja Glück und uns nahm jemand mit.

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Die Straße nach Starigrad.

Bald verließ der Wanderweg die Straße und führte auf einem steilen Pfad bergab. Es war schon wieder heiß und der Abstieg erforderte volle Konzentration, um nicht zu stolpern. Immerhin war der Weg sehr gut markiert. Der Pfad endete an einem Parkplatz. Im Schatten eines Steines entdeckte Anne eine noch geschlossene Flasche Mineralwasser – Jana Minze.
Ein einziges Auto stand etwas verloren auf dem Parkplatz. Drei Typen die offensichtlich zu dem Auto gehörten und die ihrem Aussehen nach gerade vom Strand kommen mussten fragten, ob es von hier zum Vaganski vrh gehen würde. Mit 1757 m ist es der höchste Berg im Velebit. Möglich war das schon, nur bezweifelten wir, dass sie es heute noch schaffen würden und mit freiem Oberkörper sowieso nicht…
Einer der Jungs fotografierte unsere Velebit-Karte ab und diskutierte mit den beiden anderen auf polnisch. Wir setzten unseren Weg fort. Nach reichlich 500 Metern hielt ein Auto neben uns. Die drei Polen hatten es sich anders überlegt, irgendwas war mit ihrem Auto. Nicht hoch hinaus sondern tief hinab wollten sie nun. Mit Anne quetschte ich mich auf den Beifahrersitz, dann ging es nach Starigrad.
Rund 15 Minuten später hockten wir an der Strandpromenade in der Punta-Bar bei Bier und Eiscreme.

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Das 3-Sterne-Hotel Vicko.

In der Touri-Info empfahl uns die Dame das 3-Sterne-Hotel Vicko. Für 80 Euro gab’s neben dem Zimmer mit Meerblick über die Hauptstraße, Frühstücksbuffet, einen Balkon, einen Privatstrand und für mich einen Rasierer. Was so ein Stern mehr ausmachte…
Starigrad – das waren in erster Linie Geldautomaten. An jeder Ecke stand so ein Gangster, um einen von seinen Ersparnissen zu erleichtern, in Form hoher Gebühren.
Da sich vor den Türen Starigrads der Nationalpark Paklenica mit seinen Kletterrouten befindet gab es auch einen Outdoor-Laden – den Iglu-Outdoor-Shop. Und der hatte Schraubkartuschen! Der Tommy-Markt hatte Bier der Zagreber Brauerei Medvedgrad – Crna Kraljica. Das klang nicht schlecht. Und Rotwein aus Mostar, laut Internet nicht trinkbar! Vorm Bäcker verkaufte ein Bauer Schnaps und Schinken! Anne entzog mir danach die Lizenz einzukaufen…
Busse nach Zadar fuhren zurzeit nur eingeschränkt – Corona ließ grüßen. So wurde unsere Hauptbeschäftigung in Starigrad der Besuch des Privatstrandes. Das Wasser war wärmer als in Senj. Ich konnte mich manchmal überwinden reinzugehen. Das Restaurant Dalmacija wurde unser Stammlokal, da es kulinarisch gute Fischgerichte anbot (Rakija gratis).

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Diese Gedenksteine stammen vermutlich von Menschen aus dem 17. Jahrhundert.

Kulturell interessant waren unscheinbare Grabgedenksteine in den Bergen oberhalb von Starigrad, die sogenannten Mirila. Diese Gedenksteine stammten vermutlich von Menschen, die im 17. Jahrhundert von Osten kommend auf der Flucht vor den Osmanen hier siedelten. Ein Mirilo wurde dort errichtet, wo der Trauerzug mit dem Toten eine letzte Rast machte, bevor es weiter auf den Friedhof ging. Zwei Steine, die an den Verstorbenen erinnern, stehen sich gegenüber. Der Abstand entspricht der Größe des Toten und die Seele des Verstorbenen soll nun in den Mirilo übergegangen sein. Warum man das Andenken an den Toten nicht auf dem Friedhof wachhielt, sondern mit Hilfe so eines Alibigrabsteins, blieb mir ein Rätsel.

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Ein Mirilo wurde dort errichtet, wo der Trauerzug mit dem Toten eine letzte Rast machte, bevor es weiter auf den Friedhof ging.

Rätselhaft waren auch die Nachrichten aus dem Internet, was die Corona-Situation auf dem Balkan betraf. Bosnien verlangte einen PCR-Test von Bürgern aus den meisten EU-Staaten, Kroaten und Bosnier brauchten keinen. Die EU wiederum schickte Heimkehrer aus Serbien oder Montenegro 2 Wochen in Quarantäne. Gerüchte gingen um, wonach die Kroaten die Grenzen zu ihren Nachbarländern schließen wollten. Nun wir waren gespannt was uns noch erwarten würde.

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Wir entschieden uns noch einen Tag länger zu bleiben und buchen eine Bootstour.

Ursprünglich wollten wir nach 3 Tagen unsere Wanderung fortsetzen, wie in Senj. Aber etwas weckte mein Interesse. In der Gegend um Starigrad stieß man immer wieder auf Winnetous Spuren. Immerhin befanden sich hier einige Drehorte der in den 60er Jahren gedrehten Winnetou-Filme. Einer dieser Orte war der Zrmanja-Canyon und dorthin wurden Bootsausflüge angeboten. So entschieden wir uns noch einen Tag länger zu bleiben und buchten eine Bootstour.

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Das Tal von Velika Paklenica kommt ins Bild.

Um 9 Uhr morgens ging es mit einem Boot, der „Orion“, von „T.O. Nina“ aufs Wasser. Zwei Familien fuhren mit uns, eine deutsche und eine polnische. Kaum waren die Leinen los, gab’s den ersten Schnaps…

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Kaum waren die Leinen los, gab's den ersten Schnaps...

Die Fahrt bis zum Canyon dauerte etwa eine Stunde. Leider fuhren wir nur ein kurzes Stück in den Canyon hinein. Wer wollte konnte in dem smaragdgrünen Wasser baden gehen. Immerhin in Winnetou 1 hatten sich in den Fluten des Zrmanja (alias Rio Pecos) Old Shatterhand und Winnetous Vater Intschu-tschuna gewälzt. Da konnte ich nicht kneifen, obwohl mir die Wassertemperatur ganz und gar nicht zusagte.

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Wer wollte konnte in dem smaragdgrünen Wasser baden gehen.

In Ribnica gab es Mittagessen Makrelen mit Rotwein (zweiter Schnaps). Am Strand von Maslenica gab’s den zweiten Badestopp, bevor wir bei starkem Wellengang und Gegenwind mit einem Bootsschaden (Kratzer an der Außenhaut) zurück nach Starigrad fuhren (dritter Schnaps). Gegen 16 Uhr stand ich mit nassen Hosen an der Strandpromenade von Starigrad und freute mich ab morgen wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

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Abendliche Hafenstimmung.

Velika Paklenica

Den letzten Frühstückspudding noch einmal genießen, denn bald gibt’s nur noch Nüsse und Brei. Wir waren kaum zur Hoteltür raus, als schon ein Auto hielt und der Fahrer anbot uns mitzunehmen. Doch die 2 Kilometer bis zum Nationalpark trauten wir uns auch zu Fuß zu.
Der Eintritt kostete 40 HRK pro Tag und Person. Wir entschlossen uns 3 Tage zu bleiben. „Berghütte Paklenica zwei Stunden, die Struge-Hütte ist offen.“ waren die Infos des Park-Rangers, die er uns mit auf den Weg gab. Damit wusste er deutlich mehr als die Dame im Nationalparkbüro in Starigrad.

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Die 2 Kilometer bis zum Nationalpark trauen wir uns zu Fuß zu.

Schon bald verengte sich das Tal Velika Paklenica und steile Felswände erhoben sich zu unserer Linken, rechts im Wald wand sich das Bachbett der Paklenica noch ohne Wasser. Die Felswände beherbergten Souvenirshops, die zu Titos Zeiten die Eingänge eines Bunkersystems bildeten.
In luftiger Höhe turnten Kletterer an schmalen Griffen und Tritten am grauen Kalkstein. Es war einiges los in der Schlucht. Schon bald plätscherte klares Wasser im Bach und hin und wieder sprudelte auch eine Quelle aus dem Stein hervor. Diese Etappe war die erste auf der gesamten Tour auf der wir uns keine Gedanken machen mussten an Trinkwasser zu gelangen. Schilder mit der Aufschrift „Pitka Voda“ ließen keinen Zweifel aufkommen, dass es gutes Wasser war.
Wenn man bedenkt, dass hier im Velebit ganze Ortschaften mit Trinkwasser per Lkw versorgt werden mussten, war das hier schon der pure Luxus…

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Nach 3 Stunden erreichen wir die Paklenica-Berghütte, Zeit für die Mittagspause.

Nach 3 Stunden erreichten wir die Paklenica-Berghütte, Zeit für die Mittagspause. Es gibt Bier für 20 HRK und Trinkwasser – gratis. Zur billigsten Unterkunft im Nationalpark, 5 Minuten verkündete ein Schild hinter der Hütte. Gemeint war die Berghütte Ivančev dom, eine private Unterkunft oberhalb der Paklenica-Hütte. 9,97 Euro sollte die Übernachtung kosten pro Person. Da waren wir mit unserem Tagesziel, der Struge-Biwakhütte doch noch günstiger dran.
Wir ließen das Ivančev-Haus rechter Hand liegen und setzten unseren Aufstieg fort. Bald kamen wieder Gebäude in Sicht – die Berghütte Ramića dvori. Da die Wegführung etwas unklar war, wollten wir uns nach dem rechten Weg erkundigen. Eine Frau winkte uns zu sich und bot uns erstmal einen Kräuterschnaps an. „For Energy“ so ihr Kommentar. Anne lehnte dankend ab.

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Zum Glück geht es die meiste Zeit durch schattigen Laubwald.

Ein langer Saumweg führte nun stetig bergauf in Richtung Buljma-Pass auf 1380 m. Zum Glück ging es die meiste Zeit durch schattigen Laubwald. Nur das letzte Stück führte in engen Serpentinen zwischen den Felsen hinauf zum Pass.
Eine leichte Brise ließ uns frösteln, so durchgeschwitzt wie wir waren. Also blieben wir nicht lang trotz guter Fernsicht und sahen zu, dass wir unsere Unterkunft erreichten.
Planinarsko sklonište Struge (1400 m) war schon etwas älter und hat die Form einer Finnhütte. Das Innere war geräumig wenn auch etwas dunkel. Etwa 20 Minuten entfernt gibt es einen Brunnen, den die Marasovac-Quelle speist. Wir hatten heute jedoch genug Trinkwasser.

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Feierabend an der Planinarsko sklonište Struge.

Zwar waren wir bis jetzt die einzigen Wanderer, trotzdem herrschte reger Betrieb um die Hütte herum. Unter dem Dach tummelten sich wieder Siebenschläfer und zwischen den Steinen trieben sich Hornvipern herum. Die Siebenschläfer machten mir deutlich mehr Sorgen…
Es war bereits dunkel und wir lagen schon in den Schlafsäcken als plötzlich Licht den Hütteneingang erhellte. Ein Pärchen Wanderer mit Hund traf ein. Sie bezogen die obere Etage, der Hund machte es sich neben Annes Schlafsack gemütlich. Die Siebenschläfer hatten ihre Höchstform noch nicht erreicht.

Nationalpark-Panoramen

Die Siebenschläfer weckten mich, ich weckte Anne indem ich Siebenschläfer spielte… Um das Wandererpärchen im Obergeschoss nicht zu stören frühstückten wir draußen vor der Hütte. Um 6:30 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Ein altes Holzschild belehrte uns, dass der Weiterweg auf eigene Gefahr erfolgte. Was das zu bedeuten hatte, erfuhren später. Die Sonne tauchte gerade die Baumkronen in ein goldenes Licht.
Bald hatten wir die Marasovac-Quelle erreicht. Mit einem Eimer der an einem Strick hing zogen wir Wasser herauf und befüllten unsere Trinkflaschen. Allerdings nicht alle, da wir laut Karte an unserem Etappenziel der Schutzhütte Vlaški grad wieder eine Quelle vorfinden würden.

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Um 6:30 Uhr sind wir schon wieder unterwegs.

Nun ging es hinauf auf den Kamm des höchsten Teils vom südlichen Velebit-Massiv. Unter uns erschien der Babino Jezero, ein kleiner Bergsee. Er führte wenig trübes Wasser, trotzdem, in diesem Karstgebirge war das etwas Besonderes.
Der Pfad schlängelte sich entlang grasiger Berghänge und zwischen Bergkiefergestrüpp hindurch bis zum höchsten Punkt des Velebit-Massivs, dem Vaganski vrh, 1757,5 m hoch. Tief im Westen schimmerte blaues Meerwasser durch den Dunst und im Süden dominierte der kegelförmige Buckel des Sveto brdo – Heiliger Hügel, der zweithöchste Berg des Velebit.

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Auf dem höchsten Punkt des Velebit-Massivs, dem Vaganski vrh, 1757,5 m hoch.

Nach einer kurzen Gipfelrast, die hauptsächlich darin bestand, das Anne ihre Lampe suchte und nicht fand, liefen wir weiter.
Nun folgte Bergkessel auf Bergkessel. Die Hitze wurde unerträglich, es gab zwischen den niedrigen Laschenfeldern kaum Schatten. Etwas rotes leuchtete ein Stück abseits vom Weg zwischen Latschenzweigen hervor. Opasnost Mine/Mines darunter grinste ein Totenschädel – das war deutlich und brauchte keine Übersetzung. Zwar ist ein Großteil des Nationalparks mittlerweile minenfrei, doch einige Abschnitte bergen immer noch die tödliche Gefahr aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg.

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Opasnost Mine/Mines – das war deutlich und brauchte keine Übersetzung.

Kurze zeit später begegneten wir den ersten Wanderern. Ein Pärchen, sie Deutsche, er Afrikaner. Sie liefen den Velebit-Bergwanderweg nach Norden und wollten über Zavižan bis Krasno im Nordvelebit. Unsere Infos über das Wasserangebot auf den Schutzhütten wurde dankend angenommen.
Obwohl sich immer wieder schöne Ausblicke auf die Küste boten, wurde das Laufen mit jedem Meter mühseliger. Hatten wir anfangs noch überlegt auf den Gipfel des Sveto brdo zu gehen, verwarfen wir die Idee am Abzweig zur sklonište Vlaški grad. Loses Geröll auf dem Weg wirkte wie ein Kugellager, ständig rutschte ich unkontrolliert in der Gegend herum.

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Das Laufen bei der Hitze wird immer mühsamer.

Endlich zeigte sich ein Blechdach zwischen den Baumkronen, wir hatten die Schutzhütte erreicht. Auf 1280 m hatten die Mitglieder des Bergklubs Paklenica Zadar einen Nobelbau errichtet, meiner Meinung nach, bis jetzt die beste Hütte auf unserer Tour. Der Panoramablick auf Küste und Berge war einmalig. Wasser zum Waschen und Strom gehörten zum Standard. Die Quelle befand sich ein kurzes Stück unterhalb der Hütte, auf einem steilen Pfad erreichbar.
Wir packten Matten und Schlafsäcke aus und bugsierten alles ins Obergeschoss, bis jetzt waren wir die einzigen Gäste und das sollte so bleiben.

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Trinkwasser ist nicht weit – Zeit zum Kochen.

Auf der Terrasse vor der Hütte genossen wir unseren Feierabendkaffee und auch das Abendessen. Die Sonne senkte sich tiefer und tiefer in Richtung Horizont. Als sie verschwunden war leuchteten die letzten Strahlen wie eine Lasershow hinter den Bergen hervor in Richtung Himmel. Morgen würden wir den Nationalpark verlassen.

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Als die Sonne verschwunden war leuchten die letzten Strahlen wie eine Lasershow hinter den Bergen hervor in Richtung Himmel.

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