Wanderkompromisse in Corona-Zeiten (Juni – August 2020 – Slowenien, Kroatien)

Neue Verluste

Es war auch an diesem Morgen stark windig, irgendwie schien es als ob der Wind zum Velebit gehörte. Hinter dem Hostel-Restaurant führte der Weg in den Wald des südlichen Velebit. Unser Tagesziel sollte die Schutzhütte Šugarska duliba sein. Ab und zu erhaschten wir einen Blick auf die umliegenden Felsgipfel, wie auf der Bergwiese Sladovača. Der Weg war recht gut markiert aber eine neue Forststraße hatte den Wanderweg stellenweise verschüttet. Vermutlich war das auch ein Resultat des modernen Forstmanagments.

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Eine neue Forststraße hat den Wanderweg stellenweise verschüttet.

Um das Ergebnis eines modernen Forstmanagments zu dokumentieren, holte ich meine Kamera aus der Tasche und erlebte wieder eine Überraschung. Das Akku-Fach war offen und der Akku fehlte! Ich lief ein Stück zurück in der Hoffnung der Akku würde irgendwo im Dreck liegen, aber vergebens. Damit konnte ich auf dieser Wanderung den zweiten Verlust eines Teils meiner Fotoasurüstung verbuchen. Das so etwas bei einer Kamera passierte die rund 1500 Euro gekostet hatte wäre mir im Traum nicht eingefallen. Also Fujifilm, da gibt’s noch einiges nachzubessern und falls jemand einen Akku NP-W126S von Fujifilm findet, der gehört mir!
Leicht verdrossen lief ich weiter. Der Wald bot nicht die große Aussicht, hier überzeugten die kleinen Dinge. Blaue Glockenblumen und grünes Buchenlaub leuchteten im Gegenlicht, an umgestürzten Baumstämmen sprossen Austernseitlinge und Schuppige Stielporlinge.

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Schuppiger Stielporling (Cerioporus squamosus).

Nach etwa 7 ½ Kilometern an einem Ort der sich Šikić jatara nannte, teilte sich die Via Dinarica, rechts ging es auf dem Pfad Milkovića staza weiter. Wir wählten die linke Variante durch das Hochtal Ramino korito, da diese mit unserem Track identisch war und begegneten kurze Zeit später dem ertsen Wanderer. Ein Kroate, der von der Schutzhütte Šugarska duliba kam. Wir würden noch etwa 3 Stunden brauchen und heute nicht allein auf der Hütte sein, versicherte uns.
Es dauerte noch über 4 Stunden und es versprach eng zu werden heute Nacht, denn die Hütte schien bei Wanderern sehr begehrt zu sein.
Das Gebäude lies kaum Wünsche offen. Es gab fließend Wasser (zumindest solang die Pumpe funktionierte, was sie gerade nicht tat), Solarstrom, die beiden Stirnseiten waren komplett verglast und so ausgerichtet, dass man von einer Seite am Morgen den Sonnenaufgang, von der anderen Abends den Sonnenuntergang sehen konnte, vorrausgesetzt die Sonne schien. Und wenn man auf den benachbarten Hügel stieg hatte man sogar Handyempfang.

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Der Wind ist allgegenwärtig im Velebit.

Lediglich die Tür vom Klohäußchen öffnete sich zur falschen Seite…
Leider war der Schlafplatz sehr begrenzt. Wir rollten Isomatten und Schlafsäcke auf schmalen Ablagetischen aus. Die Rucksäcke schoben wir darunter. Neben den Individualwanderern traf am Abend noch eine organisierte Wandergruppe von 7 Personen plus Wanderleiter ein. Sie waren heute an der Schutzhütte Ždrilo gestartet, sahen aber aus als ob sie den gesamten Velebit an einem Tag durchquert hätten. Ein Großteil musste sich ertsmal den Blasen an den Füßen widmen. Zum Glück bauten die meisten ein Stück weiter am Waldrand ihre Zelte auf. Dort gab es auch einen Brunnen. Ein Eimer an einem Seil diente zum heraufholen des Wassers. Dummerweise hatte der Eimer kurz über dem Boden einen Ablasshahn, der sich nicht verschließen ließ. Somit gestaltete sich das Wasserholen etwas schwierig.

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Kochecke an der Schutzhütte Šugarska duliba.

Schwierig gestaltete sich auch das Kochen. Der Wind hatte bereits wieder Sturmstärke angenommen. Mit Benzin wollte ich nicht im Innern der Hütte kochen und draußen fand sich kein wirklich windegschütztes Plätzchen. Wir mussten selbst Windschutz spielen. Ein Sturmkocher war unser Trangia sicher nicht, auch wenn es die Werbung versprach. Trotzdem schafften wir es schließlich unseren Abendtee und zwei Portionen Pilznudeln herbeizuzaubern.

Mutterns Gartentricks

Schnarchen, rascheln, furzen – die bestimmenden Geräusche der letzten Nacht, die mir in Erinnerung geblieben waren. An schlafen war nicht mal im Traum zu denken. Immer wieder ertappte ich mich bei dem Gedanken, das Virus möge meinen Schlafgenossen direkt in die Nase fahren. So grübelte ich, während das morgendliche Kaffeewasser sprudelte, ob ein Pärchen Siebenschläfer nicht doch die angenehmeren Bettnachbarn waren.
Die geführte Wandergruppe war bereits eine Stunde unterwegs als wir uns auf den Weg machten.

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Im Westen leuchten goldene Inseln im blauen Wasser der Adria.

Die Sonne schien, in der Ferne erhoben sich die Berge des Nationalparks Paklenica, im Westen leuchteten goldene Inseln im blauen Wasser der Adria.
Nach rund 2 Stunden erreichten wir eine schmale Straße, an deren Rand ein Warnschild den Zutritt, das Beobachten und Fotografieren auf dem Weiterweg verbot. Der Weg führt zu einer verlassenen Militärbasis – Panos genannt. Unser Wanderweg zweigte vorher links ab und führte recht steil den Hang hinunter. Felsige Abschnitte wechselten ab mit sanften Waldwegen.
Bald hörten wir Stimmen hinter uns. Es waren Wanderer aus der Gruppe die heute Morgen vor uns gestartet waren. Sie mussten einen anderen Weg gelaufen sein, überholt hatten wir sie jedenfalls nicht.

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An der Schutzhütte Tatekova koliba hofften wir unsere Wasserflaschen auffüllen zu können.

An der Schutzhütte Tatekova koliba hofften wir unsere Wasserflaschen auffüllen zu können. Ein paar Meter hinter dem Gebäude gab es eine Wasserpumpe, die leider nicht funktionierte. So sehr wir auch den Hebel hoch und runter drückten, Wasser gab das Teil nicht her. Das war unsere einzige Hoffnung an Wasser zu kommen. Auf dem Weiterweg gab es erst mal keins mehr. Neben der Pumpe stand ein alter Eimer halbvoll mit trübem Wasser, das war sicher nicht zum Trinken geeignet. Doch mir kam eine Idee. Daheim im Garten meiner Mutter gab es auch eine altersschwache Pumpe die immer erst dann Wasser lieferte, wenn man von oben Wasser nachfüllte. Das Prinzip dahinter hatte ich zwar bis heute nicht verstanden aber es funktionierte.
Ich schnappte mir den Eimer, Anne bediente den Pumphebel, ich schüttete das Wasser in die Pumpe und siehe da nach ein paar Pumpzügen sprudelte klares Wasser aus dem Austrittsrohr.
Mit frischem Wasser in den Flaschen und Erdnüssen im Bauch konnte es weiter gehen. Es gab zwar auch ein paar nette Biwakplätze an der Hütte, aber um Feierabend zu machen war es noch zu früh. Über dem Karsttal erhob sich ein Felsen, der an einen Zuckerhut erinnerte. Stapina heißt der Buckel. Laut Karte sollte da sogar ein Weg hinaufführen. Wir konnten nichts erkennen. Vermutlich einer ab 8a+…

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Stapina heißt der Buckel.

So blieben wir ehrfurchtsvoll am Felsfuß stehen, machten ein paar Bilder und liefen weiter. Bald ging es wieder durch schattigen grünen Laubwald. Dunkelrote Türkenbundlilien blühten am Wegrand, am Abzweig zur Kamena Galerija (einem Felsenrundweg) hockten wir uns in den Schatten, eine kleine Pause war notwendig. Den Eingang zur Steingalerie bewachte eine Schwarze Witwe, auch eines der giftigsten Viecher in den Dinariden.
Die nächste Stunde ging es weiter durch den Wald. An einer kleinen Lichtung in der Nähe der Bergweiden von Račabuša entschieden wir zu biwakieren. Kuhglockengeläut drang durch die Bäume zu uns hinauf. Nach einer Weile erreichte auch die Wandergruppe unseren Biwakplatz, sie entschieden jedoch noch weiter zu laufen bis nach Veliko Rujno, dort würde am nächsten Morgen ein Transporter den Großteil der Wanderer abholen und nach Starigrad bringen, erzählte uns der Guide. Er wollte mit ein paar Teilnehmern noch eine Tour im Nationalpark machen. Da wir in Starigrad wieder unsere Tour unterbrechen wollten, empfahl er uns auch von Veliko Rujno weiter bis zur Berghütte Paklenica zu laufen und am nächsten Tag durch das Tal Velika Paklenica nach Starigrad abzusteigen. Der Weg lief im Gegensatz zur Straße Rujno – Starigrad mehr im Schatten. Wir wollten es uns überlegen.

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An einer kleinen Lichtung in der Nähe der Bergweiden von Račabuša entschieden wir zu biwakieren.

Ein Plastikrohr führte von der Almstation kommend durch den Wald an unserem Zelt vorbei. In der Hoffnung auf Wasser zu stoßen, folgte ich dem Rohr. Immer wieder verschwand die Wasserleitung im Gestrüpp, nach einer Stunde gab ich schließlich auf und ging zurück zum Zelt. Fürs Abendessen hatten wir noch genug Wasser.

Starigrad-Paklenica

Račabuša ist eine verlassene Hirtensiedlung, wie es sie oft hier im Velebit gibt. Doch das hieß nicht, dass es hier keine Hirten mehr gab.

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Račabuša ist eine verlassene Hirtensiedlung, wie es sie oft hier im Velebit gibt.

Den wir am nächsten Morgen trafen, hätte auch einem Bilderbuch entsprungen sein. Wilder Bart, faltige wettergegerbte Haut, lange graue Haarsträhnen hingen ihm in die Augen. Seine Hand streichelte zärtlich ein kleines schwarzes Lämmchen und ein Hirtenhund strich ihm um die Beine. Der Rest der Schafherde hatte sich auf der Bergwiese verteilt. Also von hier stammt der Velebitski sir, dachte ich mir. Es war das erste Mal, dass wir einem klassischen Berghirten begegneten.
„Stap?“ fragte er. Wir nickten und gaben ihm zu verstehen, dass wir weiter nach Starigrad wollten. Er zeigte nach Süden. Dorthin führte auch unser Bergpfad. Bald zeigte sich unter uns ein weites Plateau – Malo Rujno. Vertrocknetes Gras und vereinzelte Wacholderbüsche bildeten die Vegetation. Am Horizont erhoben sich graue Kalkberge im Dunst. Es hatte was von einer Wildweststimmung. Der Pfad war hier nicht gut zu erkennen aber man konnte sich praktisch kaum verlaufen. Hinter einem niederen Bergsattel breitete sich ein weiteres Plateau aus – Veliko Rujno.

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Bald zeigt sich unter uns ein weites Plateau – Malo Rujno.

Es war 9:30 Uhr, über 7 Kilometer steckten uns schon in den Beinen als wir die Kirche Unserer Lieben Muttergottes erreichten. An Maria Himmelfahrt am 15. August pilgern Gläubige an diesen Platz, um die Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel zu feiern.
Wir suchten hier etwas sehr Irdisches – Wasser. Es gab eine Zisterne mit einer Handpumpe. Leider schwammen lauter leere Plastikflaschen im Wasser. Wir füllten trotzdem unsere Trinkflaschen. Abgekocht würde es sicher noch taugen.
Auf dem freien Platz neben der Kirche hatte die Wandergruppe gelagert, das Gras war noch ganz plattgedrückt. Sie konnten noch nicht lang fort sein. Wären wir etwas früher hier gewesen, hätten wir vielleicht mit den Fußkranken mitfahren können bis Starigrad.
Wir entschieden uns dennoch der Straße nach Starigrad zu folgen und nicht den Weg durch den Nationalpark zu nehmen. Vielleicht hatten wir ja Glück und uns nahm jemand mit.

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Die Kirche Unserer Lieben Muttergottes in Veliko Rujno.

Bald verließ der Wanderweg die Straße und führte auf einem steilen Pfad bergab. Es war schon wieder heiß und der Abstieg erforderte volle Konzentration, um nicht zu stolpern. Immerhin ist der Weg sehr gut markiert. Der Pfad endete an einem Parkplatz. Im Schatten eines Steines entdeckte Anne eine noch geschlossene Flasche Mineralwasser – Jana Minze.
Ein einziges Auto steht etwas verloren auf dem Parkplatz. Drei Typen die offensichtlich zu dem Auto gehörten und die ihrem Aussehen nach gerade vom Strand kommen mussten fragten, ob es von hier zum Vaganski vrh gehen würde. Mit 1757 m ist es der höchste Berg im Velebit. Möglich war das schon, nur bezweifelten wir, dass sie es heute noch schaffen würden und mit freiem Oberkörper sowieso nicht…
Einer der Jungs fotografierte unsere Velebit-Karte ab und diskutierte mit beiden anderen auf polnisch. Wir setzten unseren Weg fort. Nach reichlich 500 Metern hielt ein Auto neben uns. Die drei Polen hatten es sich anders überlegt, irgendwas war mit ihrem Auto. Nicht hoch hinaus sondern tief hinab wollten sie nun. Mit Anne quetschte ich mich auf den Beifahrersitz, dann ging es nach Starigrad.
Rund 15 Minuten später hockten wir an der Strandpromenade in der Punta-Bar bei Bier und Eiscreme.

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Das 3-Sterne-Hotel Vicko.

In der Touri-Info empfahl uns die Dame das 3-Sterne-Hotel Vicko. Für 80 Euro gab’s neben dem Zimmer mit Meerblick, Frühstücksbuffet, einen Balkon, einen Privatstrand und für mich einen Rasierer. Was so ein Stern mehr ausmachte…

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