Von neuen und alten Helden (Odenwald Mai 2021 – Deutschland)

Nibelungensteig
Nibelungensteig

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Umkehrung: Während man früher zum Arzt ging, um sich seine Krankheit bescheinigen zu lassen, geht man heute dort hin, um seine Gesundheit zu beweisen. Grundrechte werden zu Privilegien und die Impfung ist für Jüngere wichtig, nicht um sich selbst, sondern andere zu schützen. Auch das Heldentum hat sich verkehrt: Früher war man ein Held, wenn man auszog und Feinde niederrang; heute werden Menschen so bezeichnet, wenn sie zu Hause bleiben und sich mit Chips vollstopfen. Das neue Heldentum scheint den Deutschen zu gefallen. So haben deutsche Erwachsene innerhalb des letzten Jahres durchschnittlich 5,7 kg zugenommen. Es steht zu vermuten, dass in wenigen Jahren viele Heldenfriedhöfe unsere Wanderwege säumen werden.



Wir sind nicht mehr die Jüngsten und halten es eher mit den alten Heldenfiguren: Während die meisten im Frühjahr zu Hause bleiben, ziehen wir aus und werden wie Siegfried auf dem Nibelungensteig unsere Abenteuer erleben und auch das ein oder andere lästige Rieseninsekt niederringen.
Schon in der Woche vor Ostern zog ich aus, um den Nibelungensteig von Zwingenberg bis Hetzbach zu bezwingen. Größere Insekten sind mir nicht begegnet. Ihnen war es vermutlich noch zu kalt.

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Wegmarkierung des Nibelungensteiges bei Monbrunn.

Am ersten langen Maiwochenende wagen wir einen zweiten Versuch. Wir planen dieses Mal bis Miltenberg weiter zulaufen. Die Wettervorhersage ist schlecht und wir stellen uns auf lange Regenepisoden ein. Dennoch freuen wir uns auf unsere erste gemeinsame Trekkingtour im zweiten Corona-Jahr. Wie letztes Jahr sind wir noch im Lockdown. Restaurants und Kaffees sind geschlossen. So tragen wir unsere Vollpension mit ausreichend Essen auf dem Rücken. Schon am Mittwochabend fahren wir zum Ausgangsort. Von Mannheim über Eberbach zur Haltestelle Hetzbach Viadukt. Dort steigen wir aus und suchen den Einstieg zum Nibelungensteig.
Es muss bis vor Kurzem heftig geregnet haben, denn die Luft riecht feucht und der Boden ist nass. Es sind wenige Menschen unterwegs. Der Einstieg zum Wanderweg ist schnell gefunden. Es ist ein Forstweg, der in das Tal des Himbachel führt. Es ist schon nach acht Uhr und wir halten Ausschau nach einem geeigneten verborgenen Zeltplatz. Bald finden wir eine schöne Stelle direkt am Bach.
Das Zelt ist schnell aufgestellt und eingerichtet. Auf der Matte breiten wir unsere Köstlichkeiten aus: Oliven, Schafskäse, Würstchen und Peperoni. Eine Flasche Rotwein darf natürlich auch nicht fehlen. Noch lange sitzen wir auf der Matte, saugen die feuchte Luft auf und lauschen dem dunklen Gluckern des Baches und den leiser werdenden Vögeln. Die erwarteten Insekten bleiben aus. Ganz in der Ferne hört man vereinzelt ein Auto vorbei fahren. Langsam verstummen die Geräusche und der Himmel wechselt in eine dunkelblaue Farbe. Es wird Zeit noch die Thermoskanne mit kochendem Wasser zu füllen. So können wir morgens selbst bei Regen gemütlich im Zelt frühstücken und danach entspannt loslaufen.

Ein ganzes Leben in 10 Minuten

Der erwartete Regen ist ausgeblieben, doch die Vögel sind unerbittlich. Der erste Blick aus dem Zelt zeigt uns, dass der Tag überraschend schön beginnt. Ein weiterer Blick zeigt, dass dicke Nebelschwaden wie Watte das Tal durchziehen.

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Morgennebel liegt über dem Tal des Himbachel, als wir unsere Wanderung im Odenwald beginnen.

Die Luft ist feucht, das Zelt trieft wie ein nasser Lappen. Bald haben wir gefrühstückt und alles samt nassem Lappen in unseren Rucksäcken verstaut. Über das nasse Gras gelangen wir auf den Wanderweg und laufen durch die feuchte morgendliche Ruhe. Mit jedem Atemzug rieche ich, wie die feuchte Luft in mir eindringt und mich weiter entspannt. Mit jedem Schritt entfernt sich der willkürlich erzeugte Coronawahnsinn: Die Masken, Ausgangssperren, Kontakteinschränkungen sind kaum noch zu ertragen. Auch wenn ich mich an viele Regelungen schon lange nicht mehr halte, sind sie doch ständige Begleiter. Die Bewegung und Geräusche der Natur mit ihren Gerüchen drängt alles in den Hintergrund.
Den Nibelungensteig wandern, heißt Schleifen laufen. Das stellen wir bei unserer ersten Pause fest. Bis dahin hat uns der Weg quasi um Ebersberg geführt. Luftlinie scheinen wir an diesem Vormittag nur wenige Meter vorangekommen. Der unverstellte Blick auf den Ort versöhnt uns mit der Enttäuschung.

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Orientierungspause mit Blick auf Ebersberg.

Von dort geht es vorbei am Eberbacher Felsenmeer in Richtung Hesselbach zum kleinen Eutersee. Der blaue Himmel zieht langsam zu und kurz bevor wir den See erreichen beobachten wir vor uns eine Frau, die immer wieder stehen bleibt und das ein oder andere Kraut am Wegesrand herausrupft.
Neugierig geworden holen wir sie bald ein. Es ist eine ältere Frau mit asiatischem Aussehen. Auf die unverfängliche Frage, was sie denn sammele bekommen wir in 10 Minuten ihre Lebensgeschichte erzählt: Sie sei Heilpraktikerin, habe in München praktiziert, drei Kinder adoptiert und ist nun hierher gezogen, um ihre Enkel zu betreuen. Bald wissen wir was die Kinder getan und gelassen haben und bekommen nebenbei noch Rezepte und Einweisungen verschiedener Gewächse. Falk ist an der Zubereitung junger Farnstangen interessiert. Mühsam kann ich ihm ausreden, es zu versuchen. Denn man muss sie mindestens zweimal auskochen und mehrere Stunden einweichen, um das Gift zu entfernen. Ich habe Zweifel, ob dies ausreicht.
Während der atemlosen Erläuterungen zieht sich der Himmel immer weiter zu. Hin- und hergerissen zwischen den interessanten nicht enden wollenden Ausführungen und dem zunehmenden Donnergrollen, versuchen wir den Redefluss zu unterbrechen. Dann fängt es tatsächlich an zu nieseln und wir verabschieden uns auf der Suche nach ein einer regensicheren Stelle.
Wir finden sie beim Waschplatz des Jugendzeltplatzes am Eutersee. Vor einigen Jahren habe ich hier schon einmal gezeltet. Zu dieser Zeit war er voll belegt. Jetzt ist er aufgrund des Lockdown wie ausgestorben. Leichter Nieselregen setzt ein, doch nach einer Weile entscheiden wir uns, weiter zu laufen. Eine gute Entscheidung, denn wenige Minuten später hört der Regen vollständig auf.

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Die Sonne scheint, eine gute Gelegenheit unser Zelt zu trocknen.

Schon bald brennt die Sonne auf den Köpfen und bei der nächsten Rast stellen wir das nasse Zelt zum Trocknen auf. Da dies eine Weile dauern wird, füllen wir unsere Thermoskanne für den Nachmittagskaffee. Gemütlich sitzen wir in der Sonne und beobachten die bunten Wiesen und aufgetürmten Wolken, die noch unentschieden sind, ob sie sich zu Regenwolken zusammenballen oder harmlos vorbei ziehen werden.
Wärme und Wind trocknen das Zelt schnell und in der Nachmittagssonne ziehen wir ausgeruht weiter. Es geht durch einen lichten Laubwald, an einem hohen Drahtzaun entlang. Wir rätseln, was es mit diesem Drahtzaun auf sich hat, bis wir an dem Dreiländereck ankommen. Hier stoßen die Grenzen der einstigen Großherzogtümer Hessen und Baden mit dem Königreich Bayern zusammen. Der Zaun verläuft entlang der bayrischen Grenze, kaum überraschend.

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Am Dreiländereck – der Stein markiert die Grenzen zwischen dem Großherzogtum Baden, Großherzogtum Hessen und Königreich Bayern.

Falk ist begeistert und natürlich wird der Dreiländerstein ausgiebig fotografiert. Dann durchschreiten wir die Tür des Zauns und setzen unseren Weg in Bayern fort. Es ist schon früher Abend als wir das Breitenbachtal erreichen. Ich bin müde und ein Zeltlager in Bachnähe wäre ein Traum. Wir sind mitten im Wald, die Platzsuche gestaltet sich schwierig. Doch wir finden eine lichte, flache Stelle. Sie liegt gut einsehbar an einer Wegkreuzung. Wir sind unsicher, warten und diskutieren. Doch wer soll da schon noch vorbeikommen. Gerade als Falk das Zelt auspackt, kommt eine kleine Gruppe vorbei. Wir sind verunsichert, entschließen uns dennoch es aufzubauen. Kurz darauf erfrische ich meine müden Füße im kalten Nass. Dann beginnen wir mit den Abendaktivitäten wie Kochen, Wasser erhitzen und essen.
Das entspannte Ende eines schönen weitgehend sonnigen Tages.

Nach Amorbach…

Wir haben fest geschlafen und sind diesmal etwas später dran als gestern. Doch bald haben wir alles zusammen gepackt und starten entlang des Breitenbachs ins Tal. Unten angekommen stehen einige alte Gebäude aus Sandstein und ein Schild klärt uns darüber auf, dass dies die letzten des einstigen Dorfes Breitenbach sind.

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Die Wallfahrtskapelle Breitenbach ist neben dem Bildstein das letzte Bauwerk des einstigen Bauerndorfes Breitenbach.

Aus einem der alten Gebäude tritt ein älterer Herr und zeigt auf einen alten Bildstock: „Der älteste Bildstock im Odenwald“. Die Inschrift ist verwaschen und kaum zu lesen, doch spätere Recherchen ergeben, dass er von 1483 stammt. Da unsere Wasservorräte aufgebraucht sind, fragen wir nach Wasser. Falk füllt die Flaschen im Hof, ich erfahre, dass öfter Wanderer vorbeikommen und er sie auch manchmal im alten Jagdhaus übernachten lässt.
Durch Wald und Wiesen laufen wir weiter in Richtung Preunschen. Vorbei am Waldmuseum gelangen wir über eine schöne Wiese und breite Forstwege zur Burgruine Wildenberg. Schautafeln informieren uns darüber, dass es sich um eine ehemalige wehrhafte Stauferburg handelt. Sie wirkt selbst als Ruine bombastisch. Nur wenige Menschen tummeln sich hier und nach einer kurzen Besichtigung setzen wir unseren Weg in Richtung Amorbach fort.

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Die Burgruine Wildenberg.

Zunächst geht es hinab zu einer gepflegten Hofmühle, dann wieder durch den Wald hinauf. Wie nach anderen Steigungen erwartet uns oben ein weites Plateau mit wilder Blumenwiese und einem kleinen Ort. Falks Träumen nach einem Kaffee oder gar Bier werden jedoch nicht erfüllt. Coronazeiten sind trockene Zeiten, es bleibt nur der Gänsewein auf dem Rücken. Allerdings wird auch dieser langsam knapp, so dass wir auf eine Auffüllmöglichkeit in Amorbach hoffen. Wir nähern uns von Süden dem alten Klosterstädtchen und laufen schließlich daran vorbei. Wohlwissend, dass auch hier jeglicher Gaumenschmaus Corona zum Opfer gefallen ist. Lediglich an einer Tankstelle ergattern wir belegte Brötchen und das erste! Bier für Falk. Geradezu ein Festschmaus. Auch unsere Wasserflaschen werden uns von einer freundlichen Dame befüllt und so laufen wir beschwingt weiter in Richtung Miltenberg.
Es ist schon später Nachmittag und wir halten Ausschau nach einem Zeltplatz. An diesem sonnigen Tag ist es schwierig, noch lange spazieren kleine Gruppen auf den Wegen. Nach einigem Suchen finden wir ein abgelegenes Plätzchen an einer Jagdhütte, das gut als Übernachtungsplatz dienen könnte. Nach unserem Nachmittagskaffee holt Falk das Zelt aus dem Rucksack. Doch gerade als er es in der Hand hält, kommt der Enkel des Besitzers angeradelt und lässt sich mit einem Freund auf der Veranda nieder. Leicht genervt packten wir alles wieder zusammen und ziehen weiter. Hinter Reuenthal sehe ich schließlich direkt am Weilbach einen geeigneten Platz am Bach. Falk lässt sich nicht so schnell überzeugen. Doch als auch er die Zäune überwunden hat, kann er sich entspannt dem Zeltaufbau widmen.

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Feierabend im Weilbachtal.

Am nächsten Tag erreichen wir schon früh das Städtchen Miltenberg. Es ist wie ausgestorben. Coronabedingt ist hier alles geschlossen. Der Frühstückskaffee muss warten. So wandern wir zügig zum Bahnhof, um von dort nach Hause zu fahren. Der gelassenen Stimmung ist es geschuldet, dass wir nicht völlig ausflippen, als sich der Fahrkartenautomat als Monitor entpuppt, wo eine Bahnbeamtin zwar freundlich, aber extrem langsam unseren Wünschen nachkommt. Auch auf das richtige Gleis zu kommen, wird zur Herausforderung, da alle Zugänge versperrt scheinen. Erst nachdem wir mehrmals um das Gebäude gelaufen sind und einige Menschen gefragt haben, schaffen wir es, auf das richtige Gleis zu gelangen. Der Zug kommt nach zwanzig Minuten und wir erreichen Mannheim über Aschaffenburg und Darmstadt am frühen Nachmittag.
Am Ende der Tour stellen wir fest, dass wider Erwarten der Regen während der Wanderung weitgehend ausblieb. Auch großen Insekten und wilden Tieren sind wir nicht begegnet. Lediglich ein paar Hasen und Rehe konnten wir aufscheuchen. Noch heute rätseln wir darüber, ob dies für die Erteilung der Heldenehre ausreicht.

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