Das Denkmal
Etwa 50 Meter hinter der Wiese führte eine Forststraße durch den Wald. Doch die 50 Meter reichten, um unsere Hosen gründlich zu durchfeuchten.

Mit den ersten Strahlen der Morgensonne geht es weiter.
Mittlerweile freuten wir uns über jeden Meter Weg, der nicht durch triefendes Gesträuch führte. Doch die Freude hielt nicht lang, denn schon nach 200 Metern verließen wir die Forststraße und kämpften uns wieder durchs Dickicht.
Nach einer Viertel Stunde standen wir wieder auf der Forststraße und hatten nun immerhin eine Serpentine abgekürzt. Hier gabelte sich die Straße. Nach rechts folgte die Via Dinarica zum Gipfel des Čelimbaša und seinem Skigebiet, links ging es nach Mrkopalj – unserem Weg.
In Mrkopalj hofften wir Wasser zu bekommen, außerdem gab es sicher einen Laden in dem wir auch noch mal etwas Essen kaufen konnten und vielleicht konnte ich auch mein Smartphone laden. Laut unserem Track würden wir in den nächsten 4 Tagen keine Möglichkeit haben etwas nachzukaufen.

In Mrkopalj hoffen wir Wasser zu bekommen.
Es gab sogar mehrere Läden und eine Kneipe mit Strom und Wasser und obendrein noch zwei Frühstücksespresso…
Mit Mrkopalj ließen wir auch bald das Bergland Gorski kotar hinter uns. Vier Kilometer bis zum nächsten Ort, Tuk Vojni führt eine Asphaltstraße. Wir beschlossen zu trampen, was sich als recht sinnloses Unterfangen herausstellte. Das einzige Fahrzeug, dass uns begegnete und auch hielt war ein Polizeiauto. Die „Freunde und Helfer“ wollten keine Corona-Testergebnisse sehen, nahmen uns aber auch nicht mit. Mit dem Hinweis, dass es bis zum Naturreservat Bijele und Samarske stijene noch etwa 6 Kilometer sind, fuhren sie von dannen.
Also weiter. Hinter Tuk Vojni ging es endlich wieder in den Wald, leider auch bergauf. Der Pfad war gut markiert und führte erneut auf einen Forstweg an der Wiese Matić Poljana.

Die Wiese Matić Poljana.
Schon von weiten fielen uns steinerne Skulpturen auf, die in einer Reihe über einen Großteil der Wiese verteilt waren. Mit ein wenig Phantasie erinnerten die Steine an Menschen die gebeugt und niedergeschlagen über die Wiese schlichen. Ein Stein mit einer Inschrift klärte uns auf. Die zweite Brigade der dreizehnten Division Primorje-Gorski Kotar brach im Februar 1944 zu einem 52 Kilometer langen Marsch auf aus dem Gebiet um Škalić (Lika) über Drežnica in Richtung Mrkopalj. Aufgrund der extremen Kälte in diesen Tagen erfroren hier in der Nacht vom 19. zum 20. Februar 1944 26 Partisanen. Weitere Kämpfer erlagen später ihren Erfrierungen im Lazarett.
Der Architekt Zdenko Sila errichtete 1969 das Denkmal auf der Matić-Wiese. Durch die Schlichtheit der unbehauenen Kalksteine verbreitet das Denkmal eine besondere Wirkung. Tatsächlich, es sieht so aus, als ob sich 26 ausgehungerte und müde Gestalten hier entlang schleppen würden. Nur das frische Frühlingsgrün passte nicht so recht zu der ganzen Komposition.

Durch die Schlichtheit der unbehauenen Kalksteine verbreitet das Denkmal eine besondere Wirkung.
Da es bereits Mittag war nutzten wir die Zeit und bauten unser Zelt zum Trocknen auf. Anne reparierte ein Loch im Gestängekanal.
Die nächsten 7 Kilometer waren extrem dröge. Die Sonne brannte und die Forststraße schien kein Ende zu nehmen. Endlich tauchte am Waldrand ein Schild auf. Wir hatten die Grenze zum Naturschutzgebiet Bijele und Samarske stijene erreicht. Nun hieß es aufsteigen bis auf fast 1300 m.
Anne war müde, doch sie kämpfte sich tapfer den Berg hinauf. Den Gipfel des Samarskih stijena erklommen wir jedoch nicht mehr sondern wandten uns auf kürzestem Weg der Berghütte Ratkovo sklonište zu.
Die Unterkunft erinnerte mich ein wenig an das Tito-Haus in Drvar, das wir im Herbst 2017 auf unserer Bosnienreise besucht hatten. Auch diese Hütte war geschickt in den Fels gebaut worden.

Die Unterkunft erinnert mich ein wenig an das Tito-Haus in Drvar.
Wir waren nicht die einzigen Gäste. Ein Slowene hatte sich bereits häuslich eingerichtet. Er schwärmte von den Felsenwegen, die es hier gab. Viel mehr war allerdings nicht aus ihm herauszubekommen. Sichtlich erschöpft begab er sich alsbald in die Horizontale. Seine Felsenwege waren also nicht nur schön sondern auch anstrengend wie es schien.
Wir wollten nicht stören und hockten uns zum Abendessen unter die Kletterrouten, die sich über uns in die Höhe schraubten und genossen eine Zwiebelsuppe mit Kräutertee zum Dessert.
Unterschätzt – der Weg der Füchse
Heute wollten wir es gemütlich angehen. Bis zur nächsten Hütte „Planinarski kuća Dragutin Hirc“ waren es nur 4 Kilometer auf dem Vihoraški put – dem „Luftigen Pfad“. Die Übernachtung in der Felsenhütte hatte auch den Vorteil, wir brauchten heute kein nasses Zelt zu trocknen. Kurz vor halb Acht waren wir wieder auf den Beinen. Der Wanderweg führte uns um zahlreiche Dolinen – abgesackter Waldboden aufgrund darunter liegender Hohlräume.

Bald gesellen sich zu den rot-weißen Markierungspunkten Pfeile, die nach oben weisen.
Wurzeln, umgestürzte Bäume und Felsbrocken auf dem Pfad erforderten ein gewisses Maß an Konzentration. Bald gesellten sich zu den rot-weißen Markierungspunkten Pfeile, die nach oben wiesen. Der Weg verschwand zwischen grau-weißen Kalkfelsen. Es wurde spannend. Ohne Handunterstützung lief bald nichts mehr. Am Ljuska-Felsen führte eine Leiter senkrecht an der Felswand empor, dann wieder ein paar Meter Kraxelei ohne jede Absicherung. Mit fast 20 Kilo auf dem Buckel eine Herausforderung! Wir mussten die Rucksäcke absetzen, ein Stück herabklettern und den Rucksack dann von oben herunterzerren.

Wir hatten den heutigen Abschnitt reichlich unterschätzt.
Immerhin umgab uns eine beeindruckende Berglandschaft. Dunkelgrüne Fichten und Tannen bildeten einen tiefen Kontrast zu den blendend weißen Felsen im Sonnenlicht. Ab und zu passierten wir Biwakplätze im Wald. Alte Feuerstellen verrieten uns, dass hier gelagert wurde.
Immer wieder wanderte mein Blick aufs Display meines Navis, doch die Hütte kam nicht in Sicht. Stunde um Stunde verging. Endlich, nach 6 Stunden hörten wir Stimmen über uns und auch unter uns. Das musste die Hütte sein. Doch bevor es hinunter ging, wollte Anne noch unbedingt auf den Hauptgipfel des Massivs, den Bijele Stijene – den Weißen Felsen (1335 m). Ein Klettersteig führte nach oben. Sie war nicht mehr zu halten und bald außer Sicht. Ich krabbelte hinterher.

Ich krabbele hinterher.
Es hatte sich gelohnt, weiße Zacken reckten sich über den dunklen Baumspitzen bis zum Horizont. Das Gebiet dürfte eine der am schwersten zugänglichen Regionen in Kroatien sein und mit Sicherheit war es auch unser schwierigster Abschnitt auf der Via Dinarica. Wir hatten den heutigen Abschnitt reichlich unterschätzt. Nun wurde es aber Zeit zur Hütte abzusteigen.
An der Planinarski kuća Dragutin Hirc herrschte reges Treiben. Mitglieder des HPD „Kapela“ Zagreb (Hrvatsko planinarsko društvo Kapela), einem Bergclub, arbeiteten an einer neuen Notunterkunft. So hatten wir Glück und die Berghütte war offen. Das Bier kostete 10 Kuna, die Übernachtung 70 Kuna, Wasser war gratis und 2x gefiltert. Selbst Handyempfang gab es hier! Die Hüttenchefin lud uns zum Nachmittagessen ein – Krautrouladen und Kartoffelpüree mit selbstgemachten Landwein.
Es gibt noch weitere Varianten, um den Gipfel Bijele Stijene zu erklimmen, erfuhren wir von der Hüttenchefin. Einer führt durch einen engen Kamin. Wer zu viel auf den Rippen hat passt nicht durch. Vielleicht wäre es besser gewesen vor dem Essen noch mal aufzusteigen, dachte ich mir…

Die Hüttenchefin lädt uns zum Nachmittagessen ein – Krautrouladen Kartoffelpüree mit selbst gemachten Landwein.
Früher war der Zugang zu den Bijele Stijene nur von der Straße aus möglich, so die Chefin. Bergsteiger beobachteten im Winter die Wanderrouten der Füchse und folgten ihren Spuren. Mit Äxten markierten sie Baumstämme, um im Sommer die so gekennzeichneten Baumstämme mit Farbe zu markieren. So entstand Schritt für Schritt der Weg über die Felsen.
Da das Gebiet der Bijele und Samarske stijene streng geschützt ist, mit einem höheren Schutzstatus als es für die Nationalparks in Kroatien der Fall ist, dürfen hier keine Veränderungen vorgenommen werden. Das bedeutet umgestürzte Bäume müssen liegen bleiben und es dürfen auch keine weiteren Sicherungskabel oder Ketten an heiklen Felsabschnitten angebracht werden. Das erklärte auch die recht schwierigen Passagen auf dem Weg.
Die Sonne stand schon tief am Himmel, als ich mich noch mal auf den Weg zum Gipfel machte, um herauszufinden, ob ich schon abgenommen hatte. Es passte! Es dämmerte bereits als wir schließlich unser Matratzenlager aufsuchten.
KPP – Kapelski Planinarski Put
Die Hüttenbetten waren zu kurz und in meiner linken Hüfte hatte sich eine Zecke verbissen – so gesehen hatte ich keine tolle Nacht gehabt…
Trotzdem, wir hinterließen den Kapela-Leuten eine kleine Spende und bekamen dafür jeder ein HPD-Kapela-Schlauchtuch mit den Felsnadeln der Bijele stijene drauf.
Von einem der Hüttenarbeiter erfuhren wir gestern Abend, dass es bis zur Ortschaft Krivi Put kein Trinkwasser gäbe. Zwar existieren am Forsthaus Stalak und an der Duliba-Hütte Zisternen, das Wasser dort sei jedoch unbehandelt kein Trinkwasser. So füllten wir alle Flaschen randvoll, bevor wir uns auf den Kapellenweg begaben.

Hinter der neuen Notunterkunft ging es durch lichtdurchfluteten Bergwald, Farnwedel leuchteten grün im Sonnenlicht.
Der Kapellenweg – Kapelski Planinarski Put, kurz KPP, ist ein rund 60 km langer Wanderweg. Er beginnt in dem Bergdorf Tuk, führt von da ins Bjelolasica-Massiv (mit seinem 1534 m hohen Hauptgipfel dem höchsten Punkt des Velika Kapela Gebirges), überquert das Naturreservat Bijele und Samarske stijene, erklimmt die Kolovratske stijene und endet bei Klenovica an der Adria.
Bis ans Meer werden wir dem Weg nicht folgen. Doch bis kurz hinter die Felsen Kolovratske stijene laufen KPP und Via Dinarica gemeinsam.
Hinter der neuen Notunterkunft ging es durch lichtdurchfluteten Bergwald, Farnwedel leuchteten grün im Sonnenlicht. Bald zeigte sich der Felskamm der Velika Javornica. Wir erhaschten noch mal kurz einen Blick aufs Meer. Anne versuchte ohne Rucksack auf den 1375 m hohen Hauptgipfel zu balancieren, kam aber recht bald zurück, da der Gipfelgrat doch stark mit Gebüsch überwuchert war.

Anne versucht ohne Rucksack auf den 1375 m hohen Hauptgipfel der Velika Javornica zu balancieren.
Leider wurde auch der Zustand des weiteren Weges zusehends schlechter je tiefer wir kamen. Besonders die Wegfindung ließ zu wünschen übrig. Völlig verwachsene, kaum noch erkennbare Abschnitte wechselten sich mit zerwühlten Rückegassen und Forststraßen ab. Gegen Mittag erreichten wir die Straße Jasenak – Novi Vindolski. Nach ein paar Metern erschien linker Hand das Forsthaus (Šumarija) Stalak. Davor gab es einen Brunnen, der sogar Wasser führte. Die drei Wörter auf dem Deckel „nije za piće – nicht trinkbar“ gaben unserer Euphorie einen Dämpfer…
Anne bastelte aus einem Stück Zeltschnur und meiner Titantasse einen Schöpfer und beförderte eine Wasserprobe nach oben. Das Wasser sah klar und sauber aus. Wir beschlossen wenigstens eine Flasche zu füllen, notfalls konnten wir das Wasser ja abkochen.

Der Brunnen am Forsthaus (Šumarija) Stalak.
Hinter dem Forsthaus führte der Weg wieder in den Wald. Wieder beginnt die Sucherei nach dem Weg. Laut GPS-Track müsste es einen geben, laut Realität gab es keinen!
Endlich, nach fast 9 Stunden tauchte zwischen den Bäumen eine Hütte auf. Es war die Sklonište Duliba laut Beschriftung unter dem Hüttendach: Planinarsko Sklonište pod Kolovratskim Stijenama, aufgrund ihrer grünen Farbe auch Zelena kuća – Grüne Hütte genannt. Drinnen sah es recht wüst aus. Überall lagen Kleidungsstücke auf dem verstaubten Boden. Die Einrichtung war völlig zertrümmert. Hier führte eine der so genannten Balkanrouten entlang, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten wählten, um in die EU und besonders nach Deutschland zu gelangen.

Biwak vor der Zelena kuća – Grünen Hütte.
Vor der Hütte auf einem morschen, im Verfall begriffenen Holztisch sprossen Pilze (Zaunblättlinge) aus den Balken. Auch hier gab es eine Zisterne. Unter einer Schicht Plastikflaschen war das Wasser darin jedoch völlig verdreckt. Weiter zu laufen machte trotzdem wenig Sinn, es war schon spät. Wir bauten unser Zelt vor der Hütte auf.
Falscher Pfad
Das Frühstück am Morgen fiel recht spartanisch aus. Eine Handvoll Nüsse und ein Schluck Regenwasser, welches sich über Nacht im Topf gesammelt hatte, musste reichen. Wir folgten der Forststraße leicht bergab. Laut einem Wegweiser würde es eine Stunde dauern bis zu unserem nächsten Zwischenstopp, den Felsen Kolovratske stijene (1090 m).

Die Sicht ist gut, aber außer bewaldeten Bergrücken gibt es nichts zu sehen.
Bald zweigte rechter Hand ein Pfad ab und führte steil bergauf bis auf den Bergrücken. Von dort waren es bis zu den Felsen nur ein paar Minuten. Anne blieb bei den Rucksäcken, ich kraxelte hinauf auf den Gipfel. Die Sicht war gut, aber außer bewaldeten Bergrücken gab es nichts zu sehen. Immerhin gab es ein Gipfelbuch, so dass ich der Nachwelt überliefern konnte hier gewesen zu sein…
Wir folgten dem Bergrücken und gelangten an eine Weggabelung. Hier mussten wir den Kapellenweg verlassen. Dieser strebte nun dem Meer zu, wir strebten auf einem Rückeweg einer Forststraße zu, an deren Rand Bienenkästen platziert waren. Die Waldbienen summten um ihre Behausung herum. Doch anstatt ihrer Aufgabe nachzukommen und Bio-Honig für unsere Supermärkte zu produzieren, bliesen die Biester zum Angriff. Eine Biene kam auf mich zugeflogen, setzte sich auf meinen rechten Oberarm und stach zu – aus purer Bosheit, wie ich fand!
Nun schmerzten nicht nur Rücken und Füße sondern auch noch mein Arm. Mit der Genugtuung, dass mich das Vieh kein zweites Mal stechen konnte lief ich schleunigst weiter.
Die nächsten 4 ½ Kilometer ging es über dröge Forstwege bis zu einer Asphaltstraße, die wir laut Karte allerdings viel weiter westlich hätten erreichen sollen. Egal, erst mal Pause machen und neu orientieren.
Der Umweg schien sich in Grenzen zu halten, wir folgten der Straße bis zu einem neu gebauten Haus mit angefangenem Swimmingpool, wo wir wieder auf unseren Track stießen. Ab jetzt wurde die Orientierung zur Herausforderung. Nur mit Hilfe des Navis folgten wir kaum sichtbaren Pfaden, schlängelten uns durch dichte Hainbuchenwälder und über Blumenwiesen, bis sich plötzlich die Landschaft weitete und den Blick aufs Meer mit den vorgelagerten Inseln freigab.

Wir haben die Küste erreicht.
Endlich zeigten sich auch wieder die Wanderwegmarkierungen. Der Weg folgte ab jetzt parallel zur Küste. Die Bäume waren kleiner, zäher dem ständigen Wind trotzend. Es ging noch einmal hinauf bis zum Gipfel des Alino Bilo. Hinter uns zogen dunkle Regenwolken über die Hügelketten herauf. Die Küste lag noch im Sonnenlicht und vor uns im Süden erhoben sich die Berge, die wir bald besuchen würden, das Velebit-Massiv.

Es geht noch einmal hinauf bis zum Gipfel des Alino Bilo.
Ab jetzt ging es nur noch bergab zu unserem ersehnten Ziel – dem Dorf Krivi Put. Krivi Put heißt übersetzt „Falscher Pfad“. Obwohl der Name eigentlich von den kurvenreichen Straßen herrührt, die hier hoch führen. Aus der Gemeinde Krivi Put stammten auch die Eltern von Ante Pavelić, der mit seinem Ustascha-Staat (1941 – 1945) wohl auch den falschen Pfad einschlug…
Unser Pfad endete jedenfalls an einem Weidezaun kurz vor der Dorfstraße. Das wackelige Holztor war verschlossen. Anne hinderte dies nicht drüber zu klettern. Unter mir wäre es wohl zusammengebrochen. Leicht missgelaunt suchte ich eine Alternative. Ich fand sie in Form eines 10-minütigen Umwegs querfeldein durchs Gebüsch.
Wir brauchten Wasser! Nur, einen Dorfbrunnen gab es hier nicht. Uns blieb nichts weiter übrig, als abermals betteln zu gehen. Ein großer zottliger Hund vor einem Gehöft kündigte unser Kommen an und eine Frau trat aus der Haustür. Wir hatten Glück, die Dame sprach nicht nur deutsch sondern füllte auch alle unsere Flaschen auf.
Es war zwar erst drei Uhr nachmittags, trotzdem begann sich der Gedanke an einen Biwakplatz in unseren Köpfen zu regen. Die nächsten Kilometer bis zum Vratnik-Pass wird die Via Dinarica der Asphaltstraße folgen und auf Asphalt-Gelatsche hatten wir keinen Bock mehr. Nach einer dreiviertel Stunde entdeckten wir ein schattiges Plätzchen auf einem Stück Wiese unterhalb der Straße, durch Haselsträucher gut von der Fahrbahn abgeschirmt.

Ein schattiges Plätzchen auf einem Stück Wiese unterhalb der Straße, durch Haselsträucher gut von der Fahrbahn abgeschirmt.
Morgen würden wir unsere Wanderung zum ersten Mal für ein paar Tage unterbrechen und in Zengg (Senj) nicht nur unsere Wäsche waschen, die Reiseverpflegung aufstocken sondern uns am Meer auch etwas Erholung gönnen.
Herren des Windes
Dunkle graue Wolken zogen auf. Schnell war das Zelt abgebaut und der Rucksack gepackt – ein Fehler? Kaum standen wir wieder auf der Straße als es über uns krachte und die ersten Tropfen fielen. Vielleicht hätten wir das Gewitter besser im Zelt abgewettert. Nun standen wir in unsere Ponchos gehüllt auf einem Abzweig am Straßenrand und schauten zu wie kleine Rinnsale von Kapuze und Ärmeln liefen.
Nach einer dreiviertel Stunde schließlich ließ der Regen etwas nach und wir wagten es weiter zu laufen. In Veljun Primorski hörte es endlich auf zu regnen. Wir folgten der Straße durch den Ort auch wenn unser Track in eine andere Richtung führte. Auf klitschnasses Gesträuch hatten wir keine Lust mehr und die Straße führte auch zum Vratnik-Pass.

Tiefblaues Wasser und im Sonnenschein leuchtende Inseln.
Immer dünner wurde die Wolkendecke je näher wir dem Pass kamen und bald riss sie auf und gab den Blick auf die Küste frei. Tiefblaues Wasser und im Sonnenschein leuchtende Inseln kamen in Sicht. Allerdings wehte auch ein kräftiger Wind vom Inland kommend in Richtung Meer. War es der Beginn einer Bora? Die Gegend um Senj ist ja berüchtigt für diese Fallwinde, die mit orkanartigen Böen westwärts toben.
Den hier lebenden Menschen war die Bora oder Bura, wie der Wind auf kroatisch heißt, vertraut und willkommen. War sie doch ein zuverlässiger Gehilfe im Kampf der Seeleute an der dalmatinischen Küste, den Uskoken, gegen die Venezianischen Eroberer. So berichtete der 1596 zum Erzbischof von Zadar ernannte Minuccio Minucci über den Kampf der Uskoken gegen Venedig: „Es scheint als ob ihnen die Winde, das Meer, und sogar der Teufel geholfen hätten.“ Und Joseph Rabatta General der Habsburger und Hauptmann von Senj meinte: „Die Uskoken können sogar die Bora in Bewegung setzen, sooft sie das wollen. Sie zünden irgendwo an der Seite Feuer an, und die Bora ist schon da.“
Mit einer Bora hatten wir es noch nicht wirklich zu tun als wir den Vratnik-Pass erreichten – noch nicht…

Vom 700 m hohen Vratnik-Pass führt die historische Josefiner Straße nach Senj.
Die Frage, die uns nun beschäftigte lautete: Wie kommen wir nach Senj? Angeblich sollte ein Bus fahren, so hatte man es uns auf der Hütte in den Bijele stijene gesagt. Nur wann und ob auch zu Corona-Zeiten einer fuhr, wussten wir nicht. Also versuchten wir wieder anderweitig unser Glück und hielten den Daumen raus. Als nach 45 Minuten noch immer niemand gehalten hatte, liefen wir in Richtung Stadt. Auf unserer Digitalkarte war auf dem Weg nach Senj ein Straßencafé verzeichnet. Annes Vorschlag uns dort aufzuwärmen und ein Taxi zu bestellen gefiel mir.
Das Café erreichten wir jedoch nicht. An der ersten Serpentine stand ein weißer VW Golf am Straßenrand. Sascha, der Fahrer, war wie wir begeisterter Bergwanderer und würde uns mit nach Senj nehmen. Die Rucksäcke quetschten wir zwischen eine Waschmaschine, einem alten Tisch und allerlei Gerümpel ins Hintere des Wagens. Wir quetschten uns gemeinsam auf den Beifahrersitz und los ging es.

Senj oder auf deutsch Zengg, ist mit über 3000 Jahren eine der ältesten Städte an der kroatischen Adria.
Es dauerte rund 15 Minuten und wir waren am Ziel. Sascha lud uns noch zu einem Kaffee ein. Als er erfuhr, dass wir als nächstes durch das Velebit-Gebirge wandern würden. Listete er uns alle Hütten auf, die auf unserem Weg lagen samt Verfügbarkeit von Trinkwasser. Er selbst hatte an einer der Hütten mitgebaut. Außerdem gibt es einen Wanderweg direkt von Senj aus in Richtung Velebit. Den können wir laufen, ein Bus würde zurzeit sowieso nicht fahren.

Frau am Fenster.
Die Frage der Unterkunft klärte sich recht schnell, es gab nur ein Hotel, das geöffnet war – das Hotel Art. Für 60 Euro bekamen wir von Daniela, der Dame an der Rezeption, ein Zimmer mit Meerblick. Frühstück kostete 5 Euro extra pro Person.
Abends genossen wir kroatische Salami, Tomaten mit spanischem Schafskäse und Rotwein aus Mostar mit Blick aus dem Hotelfenster auf die untergehende Sonne. Langsam flackerten die Lichter der Stadt auf und die Insel Krk erhob sich wie der Buckel eines Wals aus dem Meer.

Langsam flackern die Lichter der Stadt auf.
Die nächsten drei Tage in Senj ließen wir es gemütlich angehen. Das Städtchen ist geprägt von vielen kleinen und engen Gassen mit zahlreichen Restaurants. Es gab meist recht teure Fischgerichte. Hier scheint es immer windig zu sein. Besonders Kinderwagen sollte man nicht unbeaufsichtigt am Hafensteg abstellen.
Neben zwei größeren Supermärkten, einem kleinen Bauernmarkt und einem DM-Markt, der Brausetabletten hat, gibt es auch einen Frisör, was mir sehr gelegen kam. Auf der Burg Nehaj erfährt der Besucher, dass er sich hier an der Wiege des Kroatentums befindet. Nur scheinen die Kroaten nicht mehr das zu sein was sie früher mal waren, aufs Meer fuhr kein Boot aufgrund des starken Windes. Wir hätten gern Titos Gefängnisinsel Goli otok einen Besuch abgestattet.

Einer der Leuchttürme an der Hafeneinfahrt.
Das Wasser der Adria war klar aber auch recht kalt, was meine Lust aufs Baden gehen etwas dämpfte. Anne schien das nichts auszumachen. Das Restaurant „Kod Veska“ wurde unser Stammrestaurant, besonders das Schwarze Risotto mit Sepia ist zu empfehlen. Leider gab es nirgends gefüllte Tintenfische.
So plätscherte unser Aufenthalt dahin, die drei Tage vergingen wie im Fluge. Morgen würden wir wieder bergwärts gehen – der Velebit wartete…
Senjska Bura
Wie aus dem Nichts war sie da! Ein Fauchen und Donnern weckte uns mitten in der Nacht. Das ganze Zimmer vibrierte wie bei einem Erdbeben. Die Bora wehte aus Nordost, mit Windspitzen von über 150 km/h, wie wir später erfuhren und verwandelte die See in einen Hexenkessel. Selbst im Dunkeln sah man die weißen Gischtkämme der Wellen wie sie gegen die Hafenmole peitschten.
Unseren Plan heute recht früh zu starten konnten wir erst mal begraben. Es regnete. So gingen wir erst mal frühstücken. „Der Sturm kam wie der Teufel!“ so Danielas Kommentar während wir unseren Kaffee schlürften. Die Fensterscheiben vibrierten immer noch von den Böen, die von draußen dagegen peitschten. Sollten wir noch einen Tag in Senj bleiben?

Die Wolken weichen, doch das Meer ist immer noch aufgewühlt.
Das Wetter nahm uns die Entscheidung ab. Blaue Flecken begannen durch die Wolkendecke zu blitzen und eine Stunde später empfing uns strahlender Sonnenschein. Es war zwar immer noch recht windig, doch wir wagten den Aufstieg.
Wir wählten den Weg, den uns Sascha empfohlen hatte. Gleich am Hotel zeigten sich die ersten Markierungen. Es ging vorbei an der Festung Nehaj und dann auf einem Saumweg bergauf über dem Tal Senjska draga.

Ein schöner Weg durch windzerzausten Bergwald.
Der Weg ist schön. Zwischen knorrigen kleinen Schwarzkiefern erhaschten wir immer wieder einen Blick aufs Meer. Nach knapp 8 Kilometern führte der Weg leicht bergab zur Berghütte Sijaset (Planinarska kuća Sijaset) auf 328 m Höhe gelegen, die leider verschlossen war. Wasser gab es hier auch nicht, der Regenwassertank war auch verschlossen. Also knabberten wir unsere Erdnüsse trocken und hofften am Abend einen Platz mit Wasser zu finden.
Nun ging es weiter hinauf zu den Bergen der Senjsko bilo. Unser Wanderweg endete laut Wegweisern am Hauptgipfel Vrh Jadićeva plan (1416 m). Doch bis zum höchsten Punkt der Senjsko bilo mussten wir nicht steigen. Schon ein gutes Stück vorher würden wir wieder die Via Dinarica erreichen.

Der Wald liegt unter uns und wir haben gute Sicht auf die Küste.
Bald ließen wir den Wald hinter uns. Der Pfad mündete nun auf eine schmale Asphaltstraße, der wir weiter bergauf bis zum Abzweig nach Žukalj folgten. Dort wehte ein widerlich kalter Wind. Ein Schild am Ortseingang mit dem Hinweis „Banja“ wirkte auf mich in gewisser Weise verlockend…
Da Anne nach 4 Hotelnächten die Aussicht auf ein Zeltbiwak verlockender fand, liefen wir halt weiter.
Schon nach wenigen Metern zeigte mein Navi den Lila-Track auf dem Display an. Wir waren wieder auf der Via Dinarica. Und schon begann wieder die Suche nach dem rechten Weg. Nachdem wir zweimal falsch abgebogen und einmal durchs Gestrüpp gekrochen waren erschienen mitten im Wald die Ruinen von Häusern eines verlassenen Dorfes. Eingemeißelt in das Mauerwerk eines Brunnens stand die Jahreszahl 1908. Die Siedlung musste früher den Hirten auf ihrem Weg zu den Hochweiden des Velebit als temporäre Wohnstätte gedient haben.

Ruinen einer verlassenen Hirtensiedlung.
Bald kamen noch mehr Häuser in Sicht. Alle verlassen, aber ein paar schienen zeitweise bewohnt zu sein und besonders wichtig: an einer der Hausmauern befand sich ein Wasserhahn! Das war für uns ein klares Signal, hier bleiben wir! Auf einem Stück Rasen bauten wir unser Zelt auf. Wir hatten Wasser, der Platz war windgeschützt und einen morschen Holztisch mit Bänken gab es auch noch. Auf einem ziemlich rostigen Schild entzifferte ich den Ortsnamen – Tuževac. Nun war es nicht mehr weit bis zum Nationalpark Nördlicher Velebit. Morgen würden wir ihn erreichen, wenn alles klappt.

Biwak in Tuževac.