VW Golf II Der bosnische Held

Bosnien 2017

Wir haben das erste Drittel unserer Bosnienreise hinter uns und sind auf dem Weg in den Sutjeska Nationalpark, der im serbischen Teil von Bosnien liegt. Wir fahren mit dem Bus nach Foča und steigen dort in ein Taxi um. Der Taxifahrer ist gesprächig, denn er freut sich, Deutsche zu sehen.

In den 70er Jahren hat er in Deutschland gearbeitet und spricht einige Brocken: „Deutschland gut, Merkel gut, Mark gut und Golf gut. Fiat schlecht, Flüchtlinge nach Deutschland schlecht.“ Diese reduzierte Ausdrucksweise unterstreicht die Wertvorstellungen des Fahrers, die auch durch Nachfragen nicht weiter erklärt oder relativiert werden.
Interessant sind die Zusammenhänge der positiven Aufzählung. Dass eine positive Bewertung Deutschlands zu einer vergleichbaren Einschätzung unserer Dauerkanzlerin Merkel kommt, ist nachvollziehbar. Aber warum ist der VW Golf in diese positive Aufzählung gerutscht. Das ist kein Zufall, denn seine Aufwertung wird mit der Abwertung des Fiat unterstrichen. Ich bin irritiert, denn in meiner Vorstellung ruft der VW Golf sogleich das negative Stereotyp der „Generation Golf“ hervor. Eine Jugendgeneration, die sich nach den Jugendprotesten der 80er Jahre dem Hedonismus und Konsum verschrieben hatte. Allerdings scheint mir eine Ausweitung dieses Stereotyps auf das Jugoslawien der 80er Jahre unangemessen.

Alt und robust

Als der Taxifahrer uns am Zielort entlässt, bleibt die Irritation und meine Aufmerksamkeit ist fokussiert. Selbst einer in Automarken eher unbedarften Reisenden ist es kaum möglich, den VW Golf in Bosnien zu übersehen. Viele alte Autos dieser Marke fahren noch immer herum und stehen an Straßenrändern.
Selbst in abgelegenen Gegenden ist er präsent. Als wir den langen Forstweg in das Čvrsnica-Gebirge laufen, jault es hinter uns auf. Vier junge Männer quälen ein Auto rückwärts über den holprigen mit Löchern und dicken Steinen übersäten Forstweg. Als die Räder durchdrehen, setzt sich einer der Insassen kurzerhand auf die Kühlerhaube und so zieht das Auto langsam an uns vorbei. Natürlich ist auch dies ein alter Golf, ohne Autonummer, offenbar ausrangiert. Oben treffen wir die jungen Männer auf einem kleinen Plateau. Sichtlich stolz, dass sie es geschafft haben, mit diesem Auto nach oben zu kommen. Ich rätsele über den Sinn der Aktion, aber leider laufen wir vorbei, ohne nachzufragen.
Im weiteren Verlauf der Reise scheint die Verehrung des Golfes immer wieder in den Gesprächen auf. So erwähnt auch unser Guide in Sarajevo, dass der Golf als ganz besonderes Auto gilt: „Alle lieben den Golf.“ „Warum“, frage ich. „Es gab hier in der Nähe von Sarajewo ein Golf Werk. Wo viele Menschen arbeiteten. Und im letzten Jugoslawienkrieg konnte man sich nur im Golf fortbewegen. Es war das einzige Auto, das die zerbombten und mit Trümmern übersäten Straßen unbeschadet bewältigte. Auch die Schüsse der serbischen Schützen fürchtete man darin nicht.“

VW Golf – Wohlstand und Sicherheit

Meine nachträglichen Recherchen zu Hause bestätigten die besondere Stellung des VW Golf in Bosnien-Herzegowina. 1972 gründeten die jugoslawischen Firma UNIS und Volkswagen ein Werk bei Sarajewo. Dort wurde der Golf II hergestellt, der in Bosnien auch als Polizeiauto mit dem Namen TAS diente. Das Werk war der zweitgrößte Arbeitgeber in der Region und bis 1992 verließen insgesamt 300 000 Autos das Werk. Dann wurde die Produktion wegen des Jugoslawien–Krieges eingestellt. 1998 begann der Wiederaufbau des Werkes. In der Zeit vor und während der kriegerischen Auseinandersetzungen wurde der Golf in Bosnien zur beliebtesten Automarke. Seine Robustheit war legendär und im Krieg avancierte er im eingekesselten Sarajewo zum wichtigsten Transportfahrzeug. Noch heute finden in Sarajewo „Golf-Feste“ statt und 2016 wurde die Aufstellung eines Golf-Denkmals mit dem Namen „Denkmal an den Helden“ diskutiert.

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