Das Tal der bosnischen Pyramiden

Sonnen-Pyramide

Wir entscheiden uns heute für einen Guide, der uns mit seinem Auto die Umgebung von Sarajevo zeigen wird. Neben der Landschaft und einigen Sehenswürdigkeiten, bin ich besonders auf die bosnischen Pyramiden gespannt. Schon zu Hause hatte ich davon gelesen: „Die ältesten Pyramiden, die je entdeckt wurden. Wenn ihre Echtheit bewiesen wird, dann muss die Geschichte neu geschrieben werden.“

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Wissenschaftler haben deren Echtheit belegt und widerlegt. Solche Widersprüche wecken meine Neugier. Ich bin offen und interessiert. Eine festgelegte Meinung habe ich nicht. Wir fahren nach Visoko zum Eingang der Pyramiden. Es gibt viele Parkplätze, große Tafeln, die über die Ausgrabungen informieren und deren Echtheit begründen. In einem Souvenirladen kaufe ich mir ein Buch, wo die Sicht des Entdeckers wiedergegeben ist. Es gibt auch Wunderwasser, aufgeladen durch magnetischen Felder fördert es angeblich die Gesundheit. Das Marketing funktioniert bestens.

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Es ist noch keine Hauptsaison, so dass der Ort mit seiner gemächlichen Geschäftigkeit beschaulich wirkt. Ich erkenne erstaunlich viele einheimische Bosnier. Teilweise sind sie mit kleinen Tätigkeiten beschäftigt, manche sitzen herum und reden, man kennt sich. Eine Gruppe kommt aus dem Eingang der unterirdischen Gänge. Herr Osmanagić der bosnisch-amerikanische Entdecker, taucht höchstpersönlich auf. Mit seinem breiten Hut, kariertem Hemd und hohen Stiefel wirkt er wie aus der Zeit gefallen.

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Die Pyramide der Sonne

Jetzt treten wir ein, ausgerüstet mit Helm und Lampe. Wir folgen dem einheimischen Guide, der anhand von Tafeln die Entdeckung der Pyramiden erklärt, die in Sonne-, Mond- und Drachenpyramiden unterschieden sind. Sie verteilen sich gleichmäßig in der näheren Umgebung. Ebenso informiert er uns über den Grabungsverlauf der unterirdischen Gänge. Wir betreten magische Orte mit elektro-magnetischen Feldern, wo vereinzelt Menschen entspannt sitzen. „Im Sommer sind Touristen aus aller Welt hier, um zu meditieren und zu gesunden. Manche kommen immer wieder. Im Moment sind hier vor allem Einheimische aus Bosnien-Herzegowina“, erzählt er uns. Die Führung dauert eine Stunde und ist beeindruckend. Es wurde ein weitverzweigtes unterirdisches Tunnelsystem ausgegraben. Angeblich verbindet es alle Pyramiden miteinander und wurde vor über 12 000 Jahren errichtet. Wir haben nur einen Bruchteil gesehen.

Echt oder unecht?

Danach zeigt uns Yasmin weitere Orte, welche die Pyramidentheorie belegen. An einer Stelle ist außen die Schichtung der Steine freigelegt. Sie soll beweisen, dass die Mauern durch Menschenhand erschaffen wurden. Wir stehen unentschieden davor. Danach geht es auf einen Berg, wo ein Loch für Gesteinsproben in die Pyramide der Sonnen gegraben wurde. Hier wird ein besonders magischer Ort vermutet. Sitzgelegenheiten sind um das Loch verteilt. Eine junge Frau meditiert davor. Yasmin zieht sich ebenfalls zum Meditieren zurück. Ich genieße derweil die Stille der weiten Landschaft, Falk läuft nervös umher.

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Bald treten wir den Rückweg an und die Atmosphäre ist entspannt. Wir kommen mit Yasmin ins Plaudern. Ich frage ihn, ob er an die Magie glaube. „Ja, ich bin oft hier zum Meditieren.“ Er beschreibt die Bedeutung der Meditation und bald entwickelt sich ein ernsthaftes Gespräch über die politischen Verhältnisse des Landes. „Ich möchte hier leben, aber keine Kinder großziehen.“ Irritiert frage ich: „Warum?“ Die ethnisch verfahrene Situation im Land durch den Dayton-Vertrag ist sein Hauptargument. „Ich bin Jugoslawe, Moslem und meine Eltern sind das auch“, begründet er seine Haltung.

Real oder irreal?

Eine vergleichbare Unterhaltung hatte ich schon in Mostar mit einer jungen Frau geführt. Ich wurde auf sie aufmerksam, weil sie so verzweifelt wirkte. Auf mein Nachfragen erklärte sie mir ihre Situation: Sie habe eine kleine Tochter und der einzige internationale Kindergarten in Mostar sei gerade geschlossen worden. Jetzt gebe es nur noch kroatisch-katholische und bosnisch-muslimische Kindergärten und Schulen. „Ich bin doch Jugoslawin“, rief sie immer wieder. „Ich kann mich nicht entscheiden.“

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Im Krieg hatte sie ihre kroatische Mutter und ihren bosnischen Vater verloren. Nun wehrt sie sich dagegen, dass ihr Kind in den Sog der ethnischen Polarisierung gerät. Dennoch betonte sie immer wieder, fast verzweifelt, dass sie in Mostar bleiben möchte. Sie hat die Hoffnung auf ein gemeinsames friedvolles Leben nicht aufgegeben und engagiert sich deshalb für Jugendprojekte zur ethnischen Verständigung.

Yasmin hat einen anderen Weg gewählt. Sein Glaube an die Existenz der Pyramiden und deren magische Orte, hat mich bei diesem reflektierten jungen Mann zunächst irritiert. Heute denke ich, dass Menschen wie er hier einen Ausgleich gefunden haben. Eine Form der Spiritualität außerhalb der ethnisch-religiös erstarrten Situation in Bosnien-Herzegowina. Die Pyramiden sind so zumindest für Menschen wie ihn als Überlebensstrategie real geworden.

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