Ab durch die Mitte – 1G auf dem Mittelweg (Schwarzwald September 2021 – Deutschland)

Wandern auf dem Mittelweg
Wandern auf dem Mittelweg

Autoimmunreaktionen, Covid-19-Impfung, Dermatomyositis den ganzen Scheiß musste ich mal aus dem Schädel kriegen auch wenn ich als Klinikfotograf ihn immer öfter vor der Linse hatte. Dieses Spiel was die Leute da spielen – russisch Roulette. Es war Zeit mal was wirklich Gesundes zu tun. Eine Wanderung in der Natur, raus gehen, die Sonne genießen und abschalten, es musste sein!


Die S-Bahn hatte warum auch immer fast 25 Minuten Verspätung als ich Freudenstadt erreichte. Immerhin brauchte ich nun nicht mehr solang auf Anne zu warten. Die Sonne schien und ich futterte ein paar Rosinen aus meinem Fressbeutel. Anne kam pünktlich. Es konnte los gehen auf dem Mittelweg von Freudenstadt nach St. Georgen im Schwarzwald.
Schon am Stadtrand leuchteten die ersten aprikosenfarbenen Pilze aus dem Moos – Lachsreizker. Ein Vitalpilz mit antiviralen Wirkstoffen, na das passt doch. Da brauchten wir kein 3- oder 2G da reichte 1G – gegessen…
Ein Schild verriet uns, dass hier die Masselstraße den Teuchelweg kreuzt. Masseln waren rund 10 Kilo schwere Brocken aus Gusseisen, die im Mittelalter zu den Schmieden und Brennöfen nach Freudenstadt transportiert wurden. Das geschah meist mit Hilfe von Eseln. Ein Stein mit der Aufschrift „Eselteich“ erinnert an diese Zeit.
Auf alten Hohlwegen, wo früher Holz und Kohle transportiert wurden, erreichten wir das Tal der Kleinen Kinzig. Die Kinzigle-Hütte direkt am Bach brachte unseren Wanderfluss ins stocken. Sollten wir hier bleiben? Leider war es im Inneren der Hütte recht düster. So entschieden wir uns doch weiter zu laufen bis nach Zwieselberg. Am Wegrand wuchsen nun goldene Pfifferlinge und auch amethystschuppige Exemplare tauchten hin und wieder auf. Vor Zwieselberg verströmte eine Stinkmorchel ihren Duft. In Zwieselberg wurde gerade die Dorfstraße erneuert, der Ort glich einer Baustelle.
Kurz hinter dem Ort eröffnete der Wald uns eine schöne Biwakstelle gleich neben dem Wanderweg. Baumstümpfe gefällter Fichten dienten als Küchentisch und Sitzgelegenheit. Mit Rotwein, Oliven und einem leckeren Waldpilztopf ließen wir den Tag ausklingen.

Schwarzwald-Erinnerungen

Am nächsten Tag starteten wir früh und die ersten Kilometer auf urigen Pfaden durch den Bergwald. Bereits nach 2 Stunden hatten wir unser Abendessen im Sammelbeutel. Der Wald lichtete sich und eine Hütte kam in Sicht – Kaffeepause am Schmidsberger Platz.
Bis Schiltach waren es von hier noch 15 km. Der Weg führt über den Teisenkopf einem Aussichtspunkt über dem Tal der Kinzig. Vor 25 Jahren bin ich die Strecke schon mal gelaufen. Am Teisenkopf hatte ich damals übernachtet. Ich konnte mich noch gut an den nächsten Morgen erinnern, wie im Licht der aufgehenden Sonne die Hügel des Mittelschwarzwaldes aus den Nebelschwaden über dem Kinzigtal herausragten.
Das Heidekraut blühte und würde sicher einen leckeren Tee abgeben, passend zum Pilztopf. Immerhin gesellten sich zu Pfifferlingen, Lachsreizkern nun schon Fichtensteinpilze und Flockenstielige Hexenröhrlinge. Wasser schöpften wir aus dem Kohlbrunnen kurz vor Schiltach.
Die alte Flößerstadt an der Kinzig besticht vor allem durch ihre Fachwerkhäuser. Das Café Bachbeck besticht mit seiner Schwarzwälder Kirschtorte. Die extra Kalorien mussten auch sein, denn danach ging es noch mal steil bergauf in Richtung Beerköpfle. Biwakmöglichkeiten waren hier dünn gesät, trotzdem fanden wir noch einen ungenutzten Seitenweg unterhalb des Gipfels, passend für unsere Zwecke. Fast 11 Stunden waren wir heute auf den Beinen. Leichter Nieselregen trieb uns nach dem Abendessen in unsere Schlafsäcke.

Edelbier im Versperturm

Ein klatschnasser Zeltlappen verschwand am nächsten Morgen im Rucksack. Zum Glück regnete es nicht mehr. Schilder kündigten das Höhengasthaus Heuwies an. Das könnte einen zweiten Frühstückskaffee bedeuten. Leider war es noch geschlossen – Frühaufsteherpech!
Dafür wandelten wir aber wieder im Pilzglück. Maronen und Semmelstoppelpilze wanderten heute in den Sammelbeutel – unser Tagesbedarf an Cäsium war also gesichert…
Ein Holzsteg führt durch das kleine Grusenlochmoor zum Kapfhäusle, einem typischen Schwarzwälder Bauernhaus aus dem Jahr 1820. Das Gebäude ist ein Leibgedinghaus in dem der Altbauer wohnte nachdem sein Hof verkauft wurde. Ab jetzt folgte der Mittelweg dem Lauterbacher Wandersteig. Einem schönen Wanderweg, mit dem man im ersten Augenblick Corona, 4. Welle oder Impfzwang assoziiert.
Am Bienenhäusle zwang ein Bier- und Sektbrunnen den durstigen Wanderer und die nicht ganz so durstige Wanderin zu einem Päuschen. Das Bienenhäusle selbst ist eine einfache Hütte in der Wanderer für eine Nacht kostenlos übernachten können (https://wanderhuette-lauterbach.com).
Ein Schild mit der Aufschrift „’s Turm-Genießer-Bierwegle“ zeigte leider nicht in unsere Richtung. Umso überraschter war ich, als schließlich doch noch das Gasthaus „Der Turm“ auftauchte. Die Sonne schien und die grünen Sonnenschirme mit der netten Bierwerbung ließen uns keine Wahl, wir hockten uns an einen der Tische und bestellten eine Turmvesper. Dazu gab’s Kaffee und einen halben Liter Ketterer Edel!
Ab dem Fohrenbühl-Pass änderte sich der Wanderweg schlagartig, die nächsten Kilometer ging es über Asphalt. In Oberreichenbach füllte die nette Dame vom Mooshansengut unsere Wasserflaschen und auf einer Wiese über dem Reichenbachtal trockneten wir unser Zelt. Eine gute Idee, denn am Horizont ballten sich bereits dunkle Wolken zusammen. Wir hofften auf eine Einkehr im Gasthof Deutscher Jäger. Doch der Weidmann hatte geschlossene Gesellschaft. Da blieb uns nur noch den Poncho auszupacken und dann – heavy water on me…
Der Regenschauer war heftig aber zum Glück nicht lang. Bald zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen. Bis St. Georgen waren es laut Wegweiser noch 6,5 km – Zeit Feierabend zu machen. Eine Wiese oberhalb des Gasthofs Staude bot sich zum biwakieren an. Da unsere Pilzausbeute heute nicht ganz so üppig ausfiel (meist waren nur noch die Hüte brauchbar), gab es zusätzlich noch Nudeln. Ein sonniger Spätsommerabend beendete unseren Wandertag.
Der Sonntag, der letzte Tag unserer kleinen Wanderung, brach an mit Sonnenschein. Bis St. Georgen war es nicht mehr weit. Keine 3 Stunden und wir standen in dem Schwarzwald-Städtchen auf der Wasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Mit der Bahn ging es dann über Villingen zurück nach Freiburg.

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