Odenwald kreuz und quer: Der westliche Limesweg (Odenwald August 2021 - Deutschland)

Der westliche Limesweg
Der westliche Limesweg

Im August schaufelte ich mir einige Tage frei und freue mich jetzt auf eine mehrtägige Tour. Die Wahl fällt auf den Westlichen Limesweg, längs durch den Odenwald von Obernburg nach Hinterzimmern. In den Wochen davor war das Wetter sehr wechselhaft und es ist schwer einzuschätzen, was mich erwartet. Doch meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es meistens weniger schlimm wird als befürchtet, dennoch bin ich auf jede Wetterlage vorbereitet.

Mein Körper gehört mir

Ich fahre am Donnerstag früh los und steige erst in Darmstadt und dann in Aschaffenburg um. Dort habe ich einen längeren Aufenthalt und genehmige mir daher ein zweites Frühstück. Doch kaum habe ich mich im Bahnhofskaffee niedergelassen, kommt schon die Verkäuferin und verlangt einen Impfausweis oder Test. Beides habe ich nicht und so werde ich unfreundlich wieder hinausbefördert.
Diese zunehmende Unfreundlichkeit im öffentlichen Raum als Reaktion auf die wechselnden Coronavorgaben, die immer stärker darauf ausgerichtet werden, Geimpfte und Ungeimpfte zu spalten, macht mir in den letzten Wochen sehr zu schaffen. Die Aggressivität und Abwertung der Politiker gegenüber Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, wird immer offener und unverblümter geäußert.
Es fühlt sich bedrohlich und übergriffig an. „Mein Körper gehört mir.“ Dieser Slogan hat mich in meinen jungen Erwachsenenjahren geprägt und gilt für mich noch immer. Die Drangsalierungen empfinde ich zunehmend als Erpressung. Die meisten Menschen in meiner Umgebung geben diesem Druck nach, weil sie wieder die alten „Freiheiten“ leben wollen. Ich kann das nicht. Zumal es hier nicht um Freiheiten, sondern um meine Grundrechte geht. Sie sind für mich nicht verhandelbar und so werde ich sie voll umfänglich weiter leben – offen oder im Verborgenen. Denn erpresste „Freiheit“ kann nicht frei machen. Sie wird immer abhängig bleiben von den Bedingungen des erpresserischen Staates. In Israel zeichnen sich die weiteren Bedingungen ab: Es wird diskutiert, dass sich 6 Monate nach der 2. Impfung, der digitale grüne Pass automatisch abschaltet. Dann gelten Geimpfte als ungeimpft und können nur durch eine weitere Impfung ihre Grundrechte wieder erlangen.
Freiheit gibt es nur in einem Staat, in dem Grundrechte bedingungslos jedem anerkannt werden. Von dieser Situation sind wir seit Corona weit entfernt. Hier nachzugeben wäre gleich bedeutend dieser totalitären Gesundheitspolitik, die auf keiner medizinischen Evidenz basiert, nachzugeben und damit meine Würde und meinen Anspruch auf Selbstbestimmung aufzugeben. So bleibt mir nur, dem Druck auszuweichen sowie die Regularien zu unterlaufen.
Wanderungen wirken auf mich entlastend und als ich Obernburg hinter mir lasse, den ersten Hügel erklommen habe, entspanne ich mich schnell und mein Gleichmut pendelt sich wieder ein.

Durch den Schilderwald

Der Weg ist gut ausgeschildert und touristisch aufbereitet. An jeder noch so nichtigen Stelle befinden sich Schilder mit Hinweisen auf sichtbare oder unsichtbare römische Überreste. Meist ist kaum etwas zu sehen. Manchmal erkennt man eine Rekonstruktion, doch häufig ist das Hinweisschild der einzige Hinweis auf die Vergangenheit.
Die nächsten Stunden folge ich dem Weg, ignoriere zunehmend die detaillierten Erklärungen unsichtbarer römischer Ruinen und genieße die Landschaft. Am Nachmittag beginne ich meine Aufmerksamkeit auf den Boden zu richten. Denn ich brauche noch ein paar Pilze für das Abendessen, aber im Gegensatz zum Schwarzwald ist hier kaum etwas zu finden. Erst nach intensiver, hartnäckiger Suche in einem kleinen Lärchenwäldchen entdecke ich einige Goldröhrlinge. Zusammen mit meinem Nudelgericht ergeben sie ein leckeres Abendessen.
Kurz vor Vielbrunn weiche ich vom Weg ab, auf der Suche nach einem Nachtlager. Auf einer Anhöhe finde ich einen Rastplatz mit einem Tisch und zwei Bänken. Hier mache ich erst einmal Pause. Nach einer Weile packe ich meinen Kocher aus und koche mir einen Kaffee. Es ist ruhig hier, nur selten kommt jemand vorbei. Ich sitze und schaue, die Zeit verstreicht. Da der Kocher schon ausgepackt ist, bereite ich mir mein Abendessen, dann einen Tee und schließlich das Wasser für die Thermoskanne.

Verschlossene Privatwälder

Der Platz gefällt mir, ich genieße weiter die untergehende Sonne und beginne mein Zelt aufzubauen. In diesem Augenblick lässt sich ein junger Mann auf der Bank nieder und wir kommen ins Gespräch. Er komme aus Bosnien und arbeite in der Nähe des Hofes gegenüber. Ja, in Bosnien war ich auch schon und tatsächlich stammt er aus der Umgebung des Unna Nationalparks, den ich mit Falk in einem sonnigen Herbsturlaub durchwandert habe. Bald bietet er mir an, einen Kaffee zu bringen. Ich sage nicht nein und baue derweil mein Zelt fertig auf. Noch lange sitzen wir auf der Bank, plaudern über dies und das, bis er sich verabschiedet. Ich freue mich auf mein Zelt und bin bald eingeschlafen.

Ein leichter Sommerregen weckt mich am Morgen. Nach dem Frühstück lässt er langsam nach und ich laufe schon bald auf dem Limesweg durch Vielbrunn. Es ist kurz nach acht Uhr, der Ort wirkt verschlafen. Es gibt keine Geschäfte und der Brunnen, wo ich meine Trinkwasservorräte auffüllen wollte, ist versiegt. Da es früh am Tag ist, mache ich mir keine Sorgen. Kurz vor Würzberg hat sich die Sonne endgültig durchgesetzt. Als ich aus dem Wald heraus auf einen Feldweg komme, suche ich eine Stelle, um mein Zelt zu trocknen. Schon bald sitze ich auf einer Bank, koche mir einen Kaffee und das Zelt trocknet in der Sonne. Es ist kaum eine halbe Stunde vergangen, dann packe ich alles wieder zusammen und laufe weiter.
Hinter Würzberg stoße ich auf eine kleine Asphaltstraße, der ich die nächsten Kilometer folge. Rechts und links ist der Wald durch unüberwindbare Zäune abgeschottet. Während ich die Straße entlanglaufe suche ich nach einem parallelen Weg durch den Wald. An einer Stelle zeigt mein GPS einen entsprechenden Weg an, doch mein Versuch ihm zu folgen, endet an einem verschlossenem Tor. Also gehe ich wieder zurück und gehe weiter auf der Straße. Nach einer gefühlt endlos langen Zeit, kommt endlich der Abzweig, der zu einem Teich führt. Hier plane ich eine ausgiebige Pause.
Während ich am Ufer sitze und meine Beine im Wasser kühle, kommen zwei ältere Männer mit großen Fotoapparaten auf dem Bauch hängend vorbei. Sie möchten Fotos vom See, den Seerosen und Enten machen. Wir kommen ins Gespräch und ich berichte ihnen von meinem gescheiterten Versuch die Straße zu verlassen. Sie erzählen mir dass der Wald von einem Fabrikanten aufgekauft und somit zu einem Privatwald geworden ist. Er wollte sogar die kleine Straße absperren, was aber zu erheblichen Portesten geführt hat, da es sich um eine Verbindungsstraße handelt. Diese Erklärung erscheint mir logisch und wir diskutieren noch eine Weile über die Gründe für Verkauf und Kauf des Waldes.

Philosophieren in der Natur

Wie immer fällt es mir schwer, solche angenehmen Orte zu verlassen, doch ich muss weiter, denn Hesselbach ist mein nächstes Ziel. Am späten Nachmittag erreiche ich den Ort und tatsächlich finde ich hier eine offene Gaststätte. Die Sonne scheint, Hunger und Durst sind groß, demnach spricht nichts gegen eine längere Pause bei gutem Essen und reichlich Weinschorle. Bald sitze ich im Hof der Gaststätte, alles ist entspannt, Corona fast vergessen bis drei junge Männer mit FFP2 Maske schnaufend die Straße hoch zur Gaststätte kommen. Ich denke nur: wie kann man so etwas begreifen, dieses widersinnige, selbstquälende, grundlose Verhalten. Mir fällt auf, dass die anderen Gäste die jungen Männer ebenfalls anstarren und wahrscheinlich ähnliches denken.
Es ist schon Abend als ich weiter gehe und nach einem Nachtplatz Ausschau halte. Doch ich brauche eine weitere Stunde bis sich ein geeigneter Platz findet. Schnell baue ich mein Zelt auf, koche Wasser für Tee und Frühstück und genieße den Abend. Die letzten Vögel zwitschern, wenige Autos sind zu hören, dann legt sich langsam Stille über das Tal. Ich sitze noch eine Weile vor dem Zelt und lausche den Nachtgeräuschen, dann kuschele ich mich in den Schlafsack. In der Nacht werde ich durch lautes Grunzen geweckt. Eine Rotte Wildschweine gräbt unweit vom Zelt den Boden um. Nach einer viertel Stunde verschwinden sie krachend durch das Gebüsch und ich setze meinen Schlaf fort.
Am Morgen begrüßt mich ein strahlend blauer Himmel. Der heutige Samstag ist als schönster Tag angekündigt, was sich bewahrheitet. Es wird der letzte Wandertag sein, denn gestern Abend hat mich Falk beim abendlichen Anruf darauf hingewiesen, dass am Montag der gesamte Bahnverkehr bestreikt wird. Demzufolge werde ich einen Tag früher, also schon am Sonntag, zurückfahren. Von Hesselbach laufe ich durch den Wald nach Ser, Ober-und Unterscheidental. Danach durchquere ich Felder und Wiesen auf einem kleinen Hochplateau. Es ist heiß und leider habe ich meine Sonnencreme vergessen, deshalb entscheide ich mich, der größten Mittagshitze durch eine längere Pause zu entgehen.
Ich finde ein schattiges Plätzchen am Waldesrand. Hier lasse ich mich nieder, packe den Kocher aus und koche mir eine Suppe und Kaffee. Gemütlich schmökere ich in meinem Reader und stoße auf den Satz von Hannah Arendt: „Nur Menschen mit eigener Urteilskraft können der Mehrheit widerstehen.“ Aber was bedeutet eine „eigene Urteilskraft“ und wie entsteht sie? Eine Frage, die mich seit längerem beschäftigt. Schon am Anfang der Pandemie habe ich mich gefragt, warum viele Menschen so ängstlich sind und ich gar keine Angst verspüre.
Jetzt frage ich mich, warum die Menschen sich so leicht erpressen lassen. Sind ihnen die Grundrechte nichts wert? Wissen sie gar nicht, dass es nicht um vermeintliche Privilegien, sondern um ihre Grundrechte geht, die ihnen nicht genommen werden können? Oder wollen Sie einfach zur Mehrheit gehören und im Strom der Mehrheit zumindest den Schein einer Normalität leben? Nach dem schweizer Philosoph Peter Bieri beruht die eigene Urteilskraft auf einer inneren Selbständigkeit. Diese kann man nur erlangen, wenn man sich selbst als selbstbestimmtes Wesen wahrnimmt. Hierbei ist Selbstbestimmung ein stetiger Prozess, in dem die Vorstellung über unser gelebtes Leben mit den gegenwärtigen Erfahrungen, unserem Wünschen und Wollen in Einklang gebracht werden müssen. Oder umgekehrt: „Die Selbstbestimmung gerät an ihre Grenzen oder scheitert ganz, wenn zwischen Selbstbild und Wirklichkeit eine Kluft bleibt.“ Bei vielen bleibt diese Kluft bestehen und wird kompensiert oder verdrängt. Im schlimmsten Fall führt dies zu psychischen bzw. psychosomatischen Störungen. Ich kann die Kluft zwischen meinem Anspruch auf Selbstbestimmung und den Erpressungsversuchen des Staates nicht akzeptieren oder kompensieren, sondern muss mich staatlichen Dransalierungen widersetzen. Nur so kann ich meine Selbstbestimmung und damit meine eigene Urteilskraft erhalten.

Wald und Wasser für alle

Als die Sonne schon zu sinken beginnt, ziehe ich weiter. Ziel ist ein kleiner Bach am Wegesrand, wo ich mir ein Plätzchen am Wasser suchen möchte. Nach Robern erreiche ich den Bach, aber eine Zeltstelle zu finden ist schwierig. Zunächst stehen noch einige Häuser direkt am Bach, dann ist das Ufer von hohen Pflanzen zugewachsen. Kurz vor Fahrenbach verlasse ich den Weg in der Hoffnung abseits eine Zeltstelle am Bach zu finden.
Fast habe ich die Hoffnung aufgegeben, da leuchtet ein kleiner Teich durch das verwachsene Grün. „Ein Teich“, denke ich überrascht und versuche irgendwie auf die andere Seite zu wechseln. Als es mir gelungen ist, stehe ich erstaunt vor einem Haus neben dem Teich, der von verlassenen Stühlen umgeben ist. Offenbar ein Privatgrundstück mitten im Wald. In Erinnerung an das Gespräch am Vortag stachelt das meinen Widerspruch an. Nein, ein Wald gehört allen, das Wasser ebenfalls, also lasse ich mich direkt am Teich nieder. Zunächst trinke ich einen Kaffee und nehme dann als krönenden Abschluss ein kühlendes Bad im See. So erfrischt bereite ich mein Abendessen zu und sitze lange essend und trinkend am Ufer . Kleine Fische springen über die Oberfläche, eine Quelle fließt gurgelnd in den Teich und ein Tier plätschert am Ufer. Was für ein angenehmer Ort, welch eine schöner Abschluss für meine Wanderung.
Der Regen prasselt auf mein Zeltdach. Der Sonntag war als regenreich angekündigt. Dennoch beginne ich mit dem Frühstück in der Hoffnung schnell zu starten, sobald er aufhört. Autos fahren an der nahegelegenen Straße vorbei. Plötzlich höre ich ein Auto ganz in der Nähe halten und meine Befürchtung bewahrheitet sich: Jemand kommt auf das Grundstück. Ich schaue aus dem Zelt und sehe ihn auf den Teich zulaufen. Er sieht mich und entschuldigt sich, dass er mich geweckt hat. Ich entschuldige mich, dass ich hier mein Zelt aufgestellt habe. Das ist für ihn kein Problem, denn er ist nicht der Besitzer, sondern kümmert sich nur um das Anwesen und plant sein Mittagessen heute aus dem Teich zu angeln.
Der Regen hat aufgehört, schnell packe ich meine Sachen zusammen. Nach einem kurzen Gespräch über eine Nutria, die heute Nacht einen Baum zum Umsturz gebracht hat, laufe ich los. Ein leichter Nieselregen hat eingesetzt, doch da ich nur wenige Kilometer zur S-Bahnhaltestelle habe, packe ich meine Regensachen nicht aus. So wandere ich gemächlich über Felder und durch Wälder. Pflücke hier und da etwas Obst. Hinter Sattelbach begegnet mir ein einsamer Hundebesitzer, der mich auf einen Russen hinweist, der seit einigen Jahren im Wald lebt. Angeblich beobachtet er Tiere, aber keiner weiß, was er tatsächlich im Wald treibt. Neugierig betrete ich den Wald. Leider begegne ich dem Russen nicht, ein kleiner Smalltalk in Russisch wäre eine nette Unterbrechung gewesen. So erreiche ich ohne weitere Begegnungen die S-Bahnhaltestelle in Neckarburken und bin um 11:01 auf dem Weg nach Hause.

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