Ostertrekking in der Nordpfalz (Pfälzerwald-Tour April 2019 – Deutschland)

Windräder
Windräder

Ich bin zu früh am Bahnhof. Nach alter Gewohnheit vertreibe ich mir die Zeit in der Bahnhofsbuchhandlung. „Wohllebens Welt“ heißt die Zeitschrift, die mir ins Auge fällt. Interessiert blättere ich sie durch. Sie hat scharfe und leuchtende Fotos. „Der Wald im Wald“ gemeint sind Moose. „Stören Geräusche im Wald Tiere und Pflanzen? Ist eine Frage, die der Autor versucht zu beantworten. Leider habe ich nicht genug Zeit, den Artikel zu lesen. Der Zug kommt.

Es geht nach Kaiserslautern und dann nach Rockenhausen. So der Plan, der Umweg über Pirmasens ist nicht beabsichtigt. So komme ich erst um 12:00 Uhr statt um 10:00 Uhr zum Ziel. Naja, der Weg ist das Ziel. Ich folge keinem offiziellen Wanderweg, sondern einem Weg, den uns ein Freund geroutet hat – ein Pfalzkenner versteht sich. Mit dem GPS in der Hand folge ich der Route durch Rockenhausen zur Burg Falkenstein. Vorbei an einer Schule, wo einige Jugendliche gelangweilt Ball spielen, einem Schwimmbad. Mir fällt die bunte Plastikrutsche auf, grauer Naturstein, kahle Wiesen und leere Becken. Es wirkt verlassen und aufgeräumt, wartend auf den kommenden Ansturm. Dann eine Tafel: Rockenhausener Natur-Erlebnisbad.

Heiß und staubig

Wie berauscht laufe ich weiter. Die vergangenen Wochen waren stressig. Der Beruf und meine unterschiedlichen familiären Verbindlichkeiten lasten auf mir. Jetzt merke ich, wie sich die Schultern entspannen. Langsam schiebt sich das unbeirrbare Gezwitscher der Vögel zwischen den Straßenlärm und das aufdringliche Knattern der Rasenmäher, bis das Rauschen der Baumspitzen endgültig die Geräusche des Ortes verdrängt.

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Auf dem Weg nach Falkenstein begegnen mir wenige Menschen. Die Osterfeiertage haben noch nicht angefangen und diese Gegend ist nicht sonderlich frequentiert. Ich laufe schon zwei Stunden und es ist heiß. Das Sommerwetter scheint den Frühling zu überrollen. Noch sind überall die Frühlingsblumen zu sehen: Veilchen, Buschwindröschen und mir unbekannte Waldblumen. Hellgrün leuchten die jungen Buchenblätter zwischen den kahlen grauen Stämmen hervor, aber der Boden ist trocken. Beim Laufen atme ich die aufgewirbelten Wolken der staubigen Luft ein. Kleinere Waldbewohner huschen raschelnd vorbei und verschwinden in den Wurzelhöhlen alter Bäume.

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An einer Lichtung komme ich an aufgestapelten Ästen und Blättern vorbei. „Tierhotel“ steht auf dem großen Plakat samt Erklärungen. Ich schau es mir nicht näher an, es wirkt skurril, ein Fremdkörper in dieser Umgebung. Welches Tier möchte hier wohnen, am Wegesrand mit schöner Aussicht auf eine grüne Lichtung.

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Bald schon bin ich in der Nähe der Burg Falkenstein. Hier kreuzen sich mehrere Wege. Ich überlege kurz, doch auf die Burg zu laufen. Entscheide mich aber dagegen, da ich weiter die Einsamkeit genießen möchte. Auf dem Weg durch den Donnersberg begegnen mir die Spuren der Bergwerke. Von Kupfer, Eisen und anderen Erzen. Hier wurden sie in früheren Jahrhunderten abgebaut. Aufdringliche Tafeln, weisen darauf hin. Bei der ersten Tafel werde ich schon nach wenigen Sätzen ungeduldig: Der Text voller Details über die Bergwerke, den Abbau und die Bodenzusammensetzung ist mir zu kompliziert.

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Als ich in die Nähe der Kupferberghütte komme, lasse ich die nächste Tafel rechts liegen und laufe zur Hütte. Sie ist wenig spektakulär, doch breitet sich nach Süden ein breites Tal aus. Sanfte weite Hügel, durchbrochen von braunen Äckern und grünen Wiesen. Ich bin erstaunt und genieße den unerwarteten Anblick. Als ich mich von der Landschaft ab und zur Hütte wende, fällt mein Blick auf ein Paar. Sie fühlen sich ertappt und ich werde verlegen und ziehe weiter.

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Waldesrauschen

Es wird Abend und ich bin müde. Gut, dass ich vor der Burg Falkenstein noch meine Wasserflaschen füllen konnte, denn danach gab es keine Möglichkeit mehr. Mein Plan, kurz vor Sippersfeld zu übernachten, führt mich noch einmal den Berg hinauf. Ich bin verwundert über die riesigen Pfosten der Windräder. Man kommt sich klein vor, der Boden dazwischen ist kahl. Suchend schweife ich umher, um einen Biwakplatz zu finden. Es ist einsam hier, zwischen den Bäumen gibt es kleine Lichtungen, permanentes Brummen und Rauschen begleitet mich. Erstaunt schaue ich mich um, langsam finde ich die Ursache. Möchte ich wirklich hier übernachten? Halte ich das ständige Brummen der Motoren aus? Kann ich bei diesem Dauergeräusch überhaupt schlafen? Ich zögere.
Die Müdigkeit siegt, ich bleibe. Bald sitze ich vor dem Zelt und mein Blick gleitet über die friedliche Umgebung.

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Ich bemerke die kleine grüne Lichtung. Sie ist umkreist von drei Hochsitzen, die auf häufigen Wildtierbesuch hindeuten. Das erinnert mich an das ängstliche Rascheln als ich im angrenzenden Wald einen Biwakplatz suchte. Ich stelle mir vor wie drei Jäger bei Dämmerung auf die Wiese starren, darauf wartend bis das Wild sie scheu betritt. Kein schöner Gedanke, aus dem ich nur langsam auftauche bis das Rauschen der Windräder meine Wahrnehmung wieder dominiert und mich zum Artikel heute Morgen zurückführt. „Stört die Tiere das permanente Rauschen? Oder nehmen sie es gar nicht mehr wahr?“ Der Mond steigt auf. Es ist Vollmond, sein Leuchten verspricht eine klare Nacht. Ich freue mich darauf. Ich liebe es aufzuwachen, leicht frierend in den Sternenhimmel zu starren und nacheinander die Sternbilder zu erkennen.

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Am nächsten Morgen wache ich früh auf. Ich habe gut geschlafen und die Sterne leider verpasst. Das Rauschen der Windräder hat mich nicht gestört, doch beim Frühstück wird es mir wieder bewusst. Der Preis einer nachhaltigen Zivilisation denke ich, packe mein Zelt zusammen und laufe weiter.

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Rast am Stumpfwaldgericht

Nachdem ich durch den Wald über einen Golfplatz und unter der A67 durchgelaufen bin komme ich nach Sippersfeld. Gleich am Ortsanfang stoße ich auf einen Brunnen. Es ist noch früh und ich fülle nur meine kleine Wasserflasche. Dem GPS folgend laufe ich an einem Kriegerdenkmal vorbei, das das Gedenken an den Ersten und Zweiten Weltkrieg miteinander vereint. Bald lasse ich den kleinen Ort hinter mir.

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Die Sonne scheint und mein Weg führt mich direkt zur Retzberghütte. Die Hütte ist geschlossen, Enten durchqueren entspannt den nahegelegenen See. Ich hänge die Füße in das kühle Wasser und genieße die Ruhe. Der bald einsetzende Osteransturm lässt sich nur erahnen, davor verlasse ich den See und laufe weiter in Richtung Neustadt.

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Auch hier ist der Wald verlassen. Ich treffe kaum jemanden an. Erst als ich mir interessiert ein geordnetes Arrangement von viereckigen Steinen anschaue, kommt eine Familie vorbei. Wir lesen die Inschriften, ich werde neugierig. Auf meinem GPS lese ich „Stumpfwaldgericht“. „Aha, interessant, das muss ich zu Hause mal nachschauen.“ Die Inschriften deuten in der Tat auf einen Gerichtsplatz aus lang vergangener Zeit hin. Es ist eine schöne, breite Lichtung für eine Rast und einen Schluck Wasser. Nicht zu viel, denn es ist heiß und das ungute Gefühl zu wenig Wasser dabei zu haben, begleitet mich schon eine Weile.

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Also suche ich auf der Karte in meinem GPS nach einer Quelle und finde eine Markierung fast auf dem Weg. Entspannt und schnellen Schritts marschiere ich weiter, unter der Autobahnbrücke hindurch und dann immer auf der Höhe. Ich komme an einen Abzweig und wähne mich in der Nähe der Quelle. Nur noch einige Meter ins Tal, dort unten ist eine grüne Lichtung zu sehen. Quer durch den Wald kürze ich ab, doch die Enttäuschung ist groß. Ja, es ist feucht hier, aber eine sprudelnde Quelle suche ich vergebens. Ungläubig laufe ich hin und her, grün, sonnig, ein schöner Zeltplatz, nur kein Wasser. Es dauert eine Weile, bis ich es akzeptiere und wieder nach oben steige. Ich sehe ein weiteres Quellenzeichen, aber ich bin zu enttäuscht und gehe daran vorbei. Ein Fehler, wie sich später herausstellt.

Abbruch

Die Hitze setzt mir zu, die Füße schmerzen, ohne Wasser möchte ich aber keine Pause machen. So laufe ich immer weiter durch den Wald über eine Landstraße an einem Waldfriedhof vorbei. Ein Ort der Stille, obwohl hier viele Menschen umherschlendern. Bald geht es wieder auf die Höhe. Frankenstein habe ich hinter mir gelassen und der Nachmittag ist weit fortgeschritten. In Gedanken gehe ich meine Möglichkeiten für heute Abend durch: Kann ich mit so wenig Wasser übernachten? Muss ich beim nächsten Ort absteigen? Wie lange möchte ich überhaupt noch wandern?
Ich merke, wie meine Energie nachlässt. Als ich an der nächsten Kreuzung das Schild Richtung Weidenthal sehe, überlege ich nicht lange. Zumindest Wasser möchte ich dort holen und dann wieder aufsteigen. Doch die Ungeduld lässt den Weg lang werden. Schleife um Schleife laufe ich bergab. Dann sehe ich die ersten Häuser, doch eine weitere Rechtskurve führt mich am oberen Ortsrand Richtung Bahnhof entlang. Endlich bin ich in der Ortsmitte. Wo finde ich jetzt Wasser; ein Zug fährt vorbei und ich schaue auf den Fahrplan: Eine halbe Stunde, dann könnte ich nach Hause fahren und müsste nicht wieder den Berg hinauf. Ich überlege nicht lange, sitze bald im Zug und mir fallen viele Gründe ein, warum genau das die richtige Entscheidung war.

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