Bieszczady im Schnee (Karpatentour März 2019 – Polen)

Połonina Caryńska
Połonina Caryńska

Am Ende meiner Wanderung durch die Hohe Tatra 2017 schenkte mir Samuel, unser slowakischer Bergführer eine DVD mit dem Titel „Vlčie hory“, was übersetzt „Wolfsberge“ heißt. Es handelt sich um einen Naturfilm der im äußersten Südosten Polens spielt – im Bieszczady Gebirge. Am Ufer des Flusses San geben sich Wisent, Wolf und Bär ein Stelldichein.
Anne war von dem Film begeistert und unser Wanderziel für die nächste Schneeschuhtour stand fest – Polen. Zwei Wochen Urlaub sollten reichen und vielleicht würde uns der ein oder andere Bär über den Weg laufen.

Sindbad der Busfahrer

Der Hauptort im Bieszczady ist Sanok. Die Bahnverbindung von Deutschland dorthin ist umständlich und seit der letzten Preiserhöhung der Fahrscheine durch die Bahn auch recht teuer. So entschlossen wir uns für den Fernbus. Von Freiburg fährt das polnische Busunternehmen SINDBAD täglich nach Sanok. So starteten wir am Samstagnachmittag des 2. März mit „Sindbad dem Busfahrer“ in Richtung Osten…

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Wir starteten am Samstagnachmittag des 2. März mit „Sindbad dem Busfahrer“ in Richtung Osten…

Die 45 Minuten Verspätung stellten im Nachhinein kein Problem dar, denn der Zeitpuffer schien groß genug zu sein. Und langweilig wurde uns auch nicht. „Lass uns ‚Grindelwald‘ hören“ schlug Anne vor. Ich hatte auf meinem Reader zwar „Das Silmarillion“ von Tolkien als Hörbuch, doch Anne nahm das mit der Fantasy nicht so genau. Oder wollte sie mich nur necken? Bei epischen Elbenschlachten dösten wir dahin und erreichten morgens um 7:45 Uhr Opole/Oppeln. In der Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft mussten wir umsteigen. Sanok erreichten wir schließlich um 15:00 Uhr, 1 ¼ Stunden früher, als es der Fahrplan vorsah…

Es war grau, kalt und windig, doch lag kein Schnee mehr. Wie auf meiner Herbsttour 2014 wählten wir das Hotel „Unter den drei Rosen“ (Pod Trzema Różami) als Unterkunft. Nun hatten wir noch Zeit dem braven Soldaten Schwejk auf die Schulter zu klopfen, in der „Schenke der Karpatenspeisen“ (Karczma Jadlo Karpackie) zu Abend essen (ukrainischer Borschtsch und Bigos). Das Restaurant behauptete von sich selbst, das erste in Sanok zu sein, das traditionelle Speisen anbot. Das Innere war in bäuerlichem Stil eingerichtet. An der Wand hing eine Schnitzerei, ganz der Tradition verschrieben. Sie symbolisierte das Leben der Bauern – in der Kneipe musizieren, saufen und noch am Tisch einschlafen…
Wir, satt und zufrieden, kauften auf dem Rückweg im Delikatessenladen (Sklep delikatesy) ’ne Flasche Rotwein (Old Tbilisi, halbtrocken), müde waren wir ja noch nicht.

Der erste Gang am Morgen galt einer Wechselstube (Kantor), um uns mit dem nötigen Kleingeld auszustatten. Im Anschluss gingen wir zur Touristeninformation. Wir wollten wissen, wann ein Bus nach Lutowiska fuhr. Dort planten wir unsre Tour zu beginnen. Der nächste Bus fuhr um 10:15 Uhr. Der Typ in der Info hatte andere Pläne. Wir könnten den Bus um 15:12 Uhr nehmen und uns vorher das Freilichtmuseum ansehen. Ein Besuch wäre zurzeit gratis. Außerdem sollten wir bis Ustrzyki Górne fahren und dort ins Hotel gehen. Da wären wir seiner Meinung nach in den „richtigen“ Bergen.

Wir blieben bei unserem Plan. Anne war ungeduldig und wollte endlich in den Schnee! Die Sonne schien; das mussten wir nutzen. Immerhin sagte der Wetterbericht für Donnerstag eine Wahrscheinlichkeit von 75% Regen voraus.

Chata Socjologa

Der Bus, ein Kleinbus, fuhr pünktlich ab, jedoch nur bis Ustrzyki Dolne – umsteigen. Wir quetschten uns durch den Gang und zuckelten das San-Tal aufwärts. Dörfer mit kleinen Holzkirchen zogen an uns vorbei. Außerhalb der Siedlungen wurde es wilder. Biberdämme hatten das Wasser der kleinen Zuflüsse angestaut. Erste Schneefelder kamen in Sicht.
Gegen 12 Uhr waren wir am Ziel. Im Ort beginnt ein Wanderweg, mit grünem Band markiert, der zur Chata Socjologa führt, der Soziologenhütte.

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Erster Schneekontakt.

Auf einem Forstweg, noch in freiem Gelände, stießen wir auf die ersten Zeichen der hier lebenden Großräuber. Mitten auf dem Weg häufte sich die Hinterlassenschaft eines Wolfes…

Der Wanderweg, nun im Wald verlaufend, änderte sich in einen schmalen Pfad, der steil bergauf führte. Bald stapften wir über Eis und Schnee. Der Schnee war hart, sodass wir auch ohne Schneeschuhe gut laufen konnten. Der Pfad mündete auf den Bergkamm, wo uns der Wind ordentlich um die Ohren blies. Nach über 2 Stunden tauchte zwischen den Bäumen das Dach der Berghütte auf. Die Hütte ist aus Holz, wie ich es oft in den polnischen Karpaten gesehen hatte.

Die Tür war nicht verschlossen, ein gutes Zeichen. Ein Typ mittleren Alters kam uns entgegen. Zum Glück sprach er etwas englisch, was in Polen keine Selbstverständlichkeit ist! Er stellte sich als Balthasar vor und schien hier der Chef zu sein. Wir können übernachten. „200 Złoty – ähm sorry 20 Złoty“ so Balthasar. Er zeigte auf einen Holzhaufen. Dort können wir Feuerholz holen. In einem Kamin im Hauptraum konnten wir unser Essen kochen, das Klo befand sich ein paar Meter neben der Hütte im Wald. Trinkwasser in mehreren Plastikcontainern war reichlich vorhanden. Laut dem Hüttenchef pures Quellwasser.

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In einem Kamin im Hauptraum konnten wir unser Essen kochen.

An der Wand im Hauptraum hing ein Porträt Lenins verkehrt herum. Daneben hing ein wild dreinschauender Zeitgenosse, der mehr an Andrii Popa erinnerte, richtig herum. Unter der Decke auf einem Holzbalken stapelten sich die Werke Lenins…
Auf dem Tisch lag ein STIHL Sägekettenschärfer. Das passte nun gar nicht zu Lenin!

„Ich muss runter ins Dorf“ sagte Balthasar. „Wenn mein Kollege auftaucht, sagt ihm, ich bin gegen 17 Uhr zurück.“ Besagter Kollege tauchte auch auf, besser gesagt er geisterte etwas planlos durchs Zimmer. Im Mundwinkel etwas, das an einen Joint erinnerte. Der Blick verloren, als ob er Lenins Werke noch nicht recht verinnerlicht hatte. Aber vielleicht war alles ganz harmlos und der Typ war einfach nur Soziologe…

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Anne packte derweil die Arbeitswut, indem sie sich voll Enthusiasmus dem Holzhacken widmete.

Anne packte derweil die Arbeitswut, indem sie sich voll Enthusiasmus dem Holzhacken widmete. Ich schaute mich etwas in der Gegend um. Ein Holzschild an der Grundstücksgrenze verriet mir, dass ich mich in der „Republik des freien Denkens“ befand. Am Horizont erhoben sich die Berge der Hochbieszczady im Abendlicht – schneebedeckt. Und ein Hüttchen auf Schienen diente offenbar als Beobachtungsposten für Wildtiere.
Mit etwas Geduld bekamen wir das Feuer im Kamin entfacht und bald genossen wir Annes Marokkopfanne zum Abendessen. Mit Mensch-Ärgere-Dich-Nicht (laut Balthasar: Chińczyk – Chinese) beugten wir aktiv gegen Hüttenkoller vor.

Studentenabstinenz

Am Morgen schneite es! Für unseren Frühstückskaffee kochten wir das Wasser draußen auf dem Gaskocher. In der Hütte war alles ruhig, wir packten und liefen los. Mittlerweile bahnten sich die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Baumwipfel. Wir folgten einem blau markierten Weg hinunter ins Tal des San. Je tiefer wir kamen, desto matschiger wurde es. Kurz bevor der Weg die Straße im San-Tal erreicht warnten Schilder den Wanderer vor der Gefahr durch Meister Petz. Eine Holzbrücke führte über den Fluss. Auf einer Geröllbank am Ufer angelte ein Mann. Das Ufer sah hier so aus wie im Wolfsfilm. Ob hier auch der Bär zu Besuch kommt? Wohl eher nicht. Der San führte viel Wasser, ein deutliches Zeichen für die beginnende Schneeschmelze.

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Der San führte viel Wasser, ein deutliches Zeichen für die beginnende Schneeschmelze.

Jetzt folgte ein Abschnitt Asphaltwandern. Wir folgten der Straße durch das Dorf Dwernik. Kurz hinter der Holzkirche zweigte der markierte Wanderweg nach links ab. Balthasar hatte uns von dieser Variante abgeraten. „It’s a fuck!“ war sein Kommentar zum Zustand des Weges. Wir wollten es trotzdem probieren. Die Alternative bestand in einer wenig befahrenen Talstraße zu unserem nächsten Tagesziel der Berghütte Koliba Studencka Politechniki Warszawskiej.
Ab jetzt liefen wir zu dritt. Ein Hund, Gattung Muskelpaket, hüpfte schwanzwedelnd um unsere Beine. Damit hatte sich unsere Hoffnung, Wild zu sehen ins Nirvana verabschiedet. Egal, Tagesetappen mit Hund gehören in Osteuropa zur Tagesordnung…

Im Wald ging es höher und höher, bald erreichten wir die Schneegrenze. Als unsere Beine fast bis Kniehöhe im Weiß verschwanden, wurde es auch Zeit unsere Schneeschuhe einzusetzen. Solange der Weg deutlich zu erkennen war, tobte unser Begleiter vorneweg. Doch als der Schnee eine glatte Fläche bildete, schien ihn Unsicherheit zu bemächtigen. Mit dem Ergebnis, dass mir der Köter ständig zwischen den Beinen herumlief. Mal musste ich aufpassen, ihm nicht in die Hinterläufe zu latschen, dann trampelte das blöde Vieh mir von hinten auf die Schneeschuhe, dass es mich fast aus den Schuhen riss.

Das letzte Stück bis zum höchsten Punkt der Etappe war besonders steil. Unser Hund jaulte, aber das hatte er sich selbst eingebrockt. Endlich standen wir auf dem Gipfel der Magura Stuposiańska 1016 m hoch. Ab jetzt schrumpfte die Schneedecke zusehends und auf einem felsdurchsetzten Kammstück war sie ganz verschwunden. Dem Hund ging es sichtlich besser. Zumindest bis zur nächsten Einsenkung, dort stießen wir wieder auf eine geschlossene Schneedecke, das hieß – Schneeschuhe wieder anziehen.

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Im Wald ging es höher und höher, bald erreichten wir die Schneegrenze. Als unsere Beine fast bis Kniehöhe im Weiß verschwanden, wurde es auch Zeit unsere Schneeschuhe einzusetzen.

Bald lichtete sich der Wald und ein Wegweiser kam in Sicht. Wir mussten abbiegen. Auf nun wieder grünem Band, sollten es nur noch 15 Minuten bis zur Hütte sein. Steil ging es bergab. Am Horizont zogen dunkle Wolken auf und bald begann es zu schneien. Anne lief flink den Hang hinunter und schon bald sahen wir unsere Unterkunft.
Donner grollte und Blitze zuckten am Himmel. Die Berghütte war offen. Sie gehörte der Technischen Universität Warschau, was an sich nicht schlimm war. Dass es aufgrund dessen kein Bier gab, war mir ein Rätsel! Studenten und kein Alkohol, fast nicht zu glauben…

Immerhin gab es einen Wasserkocher. So konnten wir unseren Nachmittagskaffee und Gute-Abend-Tee selbst kochen. Von unserem Hüttenfenster hatten wir eine schöne Sicht auf die Gipfel der Połonina Bukowska, Połonina Dźwiniacz, mit den Bukowe Berde (Buchenspitzen, 1312 m) und der Tarnica, mit 1346 m der höchste Berg im Bieszczady-Gebirge. Alle Kämme waren schneebedeckt und leuchteten goldgelb in der Abendsonne.

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Anne spielte Patience mit ihrem Reader. Im Gegensatz zu Schach hatte sie hier reale Chancen auch mal zu gewinnen...

Nach einem Bohneneintopf drehte ich eine Fotorunde (der Hund war weg), Anne spielte Patience mit ihrem Reader. Im Gegensatz zu Schach hatte sie hier reale Chancen auch mal zu gewinnen…

Grindelwaldabend

In der Nacht hatte es wieder geschneit, die Bäume bedeckten mehrere Zentimeter Neuschnee. Es sah schön aus. Heute sollte es hoch hinausgehen. Von der Hütte wollten wir auf den Kamm der Połonina Caryńska mit ihrer höchsten Erhebung, dem Kruhly Wierch (1297 m). Die Wegmarkierung war nicht immer zu sehen. So orientierten wir uns mithilfe des GPS und den zugeschneiten Spuren unserer Vorgänger.
Uralte Bäume säumten den Pfad zu beiden Seiten. Manche waren bereits abgestorben und mit zahlreichen Pilzen übersät. An der Waldgrenze warnte ein Schild, schwarz-gelb kariert vor Lawinen. Doch der Weg hinauf zum Hauptkamm war sicher, da war ich mir sicher…

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Der Weg hinauf zum Hauptkamm war lawinensicher.

Oben empfing uns ein frischer Wind. Wir ließen die Rucksäcke an einem Wegweiser zurück und liefen unbeschwert zum Hauptgipfel. Außer einem Paar, das von der anderen Seite aufgestiegen war, ließ sich niemand hier oben blicken. Im Herbst vor 5 Jahren gab es hier eine schiere Völkerwanderung…

Wir wanderten zurück zu unseren Rucksäcken und begannen den Abstieg nach Ustrzyki Górne. Im Süden zog sich der Grenzkamm zwischen Polen und der Slowakei bzw. Ukraine parallel zu unserem Bergrücken. Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke und beleuchteten wie ein Spot den bewaldeten Höhenzug.

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Im Süden zog sich der Grenzkamm zwischen Polen und der Slowakei bzw. Ukraine parallel zu unserem Bergrücken.

Bald tauchten auch wir in den Wald ein. Steil führte der Weg nach unten. Nach insgesamt 5 ½ Stunden erreichten wir den Ort. Die Berghütte Kremenaros war zu. Nun blieb nur noch das Hotel Zajazd Pod Caryńską. Dort hatten wir Glück und das Hotel Wasserprobleme. Doch nach ein paar Minuten konnten wir endlich warm duschen.

Die Gepflogenheiten im Restaurant waren etwas gewöhnungsbedürftig, doch wir lernten schnell. Der Gast schnappt sich die Speisekarte an der Tür, gibt an der Theke seine Bestellung auf und zahlt auch gleich, dann bekommt er sein Essen serviert. Wir beschlossen den Abend mit Sauermehlsuppe, gebratenem Räucherkäse und Wildschweinbraten, korkigem Rotwein und Piwo Leżajsk. Dann ging es ins Bett, „Grindelwald“ hören…

In die Knie gezwungen

Das Frühstücksbuffet war lecker, doch Rührei und Bratwürstchen waren ruck zuck alle und wurden auch nicht mehr ersetzt, sondern weggeräumt. Nachts hatte es nicht geschneit und es blies eine recht steife Brise, selbst hier unten im Tal.
Unser Ziel waren heute der Gipfel der Tarnica sowie die Połonina Bukowska. Da es dort keine Unterkünfte gab, hatten wir eine Nacht im Zelt eingeplant. Morgen wollten wir dann über das Dorf Wołosate zurück nach Ustrzyki Górne laufen oder trampen. Doch der starke Wind machte mir etwas Sorgen. Wie würde er erst oben auf dem Kamm wüten? Ich schlug Anne vor zuerst nach Wołosate zu laufen und weiter bis zur Połonina Bukowska. Vielleicht würde sich der Wind im Laufe des Tages etwas legen. Dann könnten wir es bis in den Sattel Przełęcz Goprowska schaffen und dort biwakieren. Anne war einverstanden. Im Dorfladen kauften wir noch etwas Schokolade und Mineralwasser dann ging es los.

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Nachts hatte es nicht geschneit und es blies eine recht steife Brise, selbst hier unten im Tal.

Bis Wołosate waren es 6 km, die sich endlos zogen. Endlich tauchte rechterhand das Gestüt auf, wo Huzulenpferde gezüchtet wurden. Diese Kleinpferde sind nach einem Volk in den ukrainischen Waldkarpaten benannt. Hinter dem Ort an einer Hütte machten wir Pause, die vom Schnee geräumte Straße endete hier, Zeit für die Schneeschuhe. Wir hatten die Dinger kaum an den Füßen als uns zwei Nationalparkwächter auf Tourenski entgegen kamen. „Der Wanderweg weiter sei wegen Windbruch gesperrt“ erzählte uns der eine. Er empfahl uns, zurück ins Dorf zu gehen und den blau markierten Weg zum Gipfel zu nehmen, der wurde bereits geräumt.

Na zum Glück waren wir noch nicht so weit gelaufen. Bis zum Abzweig des blauen Weges waren es etwa 1 ½ km. Wir wählten die Abkürzung quer über die Wiesen. Über verschneite Biberdämme erreichten wir den Weg in der Nähe des Waldrandes.
Hier war ganz schön Betrieb. Immer wieder kamen uns Wanderer entgegen. Einer fragte mich, ob wir oben übernachten wollen. Ich glaubte das jedoch kaum bei dem Wind. Vielleicht würden wir uns ein geschütztes Plätzchen unterhalb des Hauptkamms suchen.
Doch im Tarnica-Sattel empfing uns die Realität. Der Weg zum Gipfel war nicht auszumachen, das war nicht das Problem. Der Wind blies so stark, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Anne wehte er förmlich um. Sie lief ein paar Schritte, dann lag sie im Schnee. Es hatte keinen Zweck, wir mussten umkehren. Der Berg hatte uns förmlich in die Knie gezwungen…

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Doch im Tarnica-Sattel empfing uns die Realität. Der Wind blies so stark, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte.

Kaum hatten wir den Waldrand erreicht, herrschte absolute Windstille! Gegen 16 Uhr waren wir wieder in Wołosate an den Kassenhäuschen, wo im Sommer der Wegzoll für die Wanderung erhoben wird. Nun standen uns die 6 Kilometer Asphaltstraße zurück nach Ustrzyki Górne bevor. Mit etwas Glück hofften wir auf eine Mitfahrgelegenheit.
Im ersten Auto, das hielt, saßen Grenzpolizisten. Die wollten uns nicht mitnehmen, sondern unsere Ausweise sehen. Das größte Gebäude in Ustrzyki Górne war die Polizeistation. Da hier die EU-Außengrenze verläuft, gab es wohl besondere finanzielle Zuwendungen für die Grenzschützer.

Kurze Zeit später hatten wir mehr Glück. Eine junge Frau hielt und nahm uns mit. Sie sprach etwas Deutsch. Als Köchin hatte sie mehrere Jahre in der Pfalz gearbeitet. Sie hielt von den Deutschen offensichtlich mehr als von ihren Landsleuten. „Die Polen wollen immer nur Geld“ charakterisierte sie ihre Landsleute.
Kurz vor Fünf genossen wir wieder unseren Nachmittagskaffee und zum Abendessen gab es Wildschweingulasch mit Pilzen in der Papiertüte (Bieszczadzki Wór z Dzika). Meiner Meinung nach handelte es sich um eine Spezialität des Hauses, Annes Ansicht nach war es ein Produkt der Bequemlichkeit das Fleisch aus der Gefriertüte zu nehmen…

Dreiländereck

Der Wind hatte am nächsten Morgen etwas nachgelassen, blies aber immer noch kräftig. Wir wollten trotzdem keinen zweiten Versuch starten, ließen Tarnica Tarnica sein und widmeten uns neuen Zielen. Wir wollten zum Dreiländereck (PL, SK, UA) auf dem Krzemieniec.

Der Wanderweg, mit blauem Band markiert, folgt erst ein Stück der Straße nach Wetlina, um dann an den Wegzoll-Hütten links in den Wald abzubiegen. Noch lag genug Schnee im Wald, doch er taute. Viel später hätten wir die Tour nicht machen dürfen. Der Aufstieg zog sich lang hin. Immerhin würden wir heute den höchsten Punkt unserer Wanderung erreichen – die Wielka Rawka (1307 m). Auf dem Kamm bogen wir jedoch erstmal nach links und stiegen ab in den Sattel zwischen Wielka Rawka und Krzemieniec. Links ragten die blau-gelben Grenzpfeiler der Ukraine aus dem Schnee rechts die rot-weißen von Polen. Wir liefen mittendurch im Niemandsland…

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Der Gipfel des Krzemieniec (1221 m).

Dort begegnete uns das Pärchen von der Połonina Caryńska, diesmal wanderten sie mit Hund. Kurz hinter dem Gipfel steht der schwarze Marmorobelisk, der das Dreiländereck zwischen Polen, der Slowakei und der Ukraine symbolisiert. Ich stand nun schon zum dritten Mal an der Stelle. Einmal im Frühling, einmal im Herbst und nun im Winter.

Etwas glattes Rundes in meiner Jackentasche erregte mein Interesse, als ich einen Blick auf die Wanderkarte werfen wollte. Zum Vorschein kam ein Brillenglas. Dort lag es schon zwei Tage. Lief ich doch tatsächlich mit einer kaputten Brille herum, ohne es zu merken. Erklärbar war das nur mit beginnendem körperlichem und geistigem Verfall würde ich sagen…

Wir machten ein „wir-sind-dagewesen-Foto“ und traten den Rückweg an. Vom Gipfel der Wielka Rawka bot sich eine herrliche Sicht auf die Berge der Waldkarpaten. Bewaldete Hügelketten zogen sich bis zum Horizont. Auch ohne Laub fand ich die Szenerie beeindruckend. Direkt vor uns waren die Bäumchen gebogen, ihre Spitzen steckten fest im Schnee. Steil führte der Wanderweg nun hinab erst zum Gipfel Mała Rawka (1272 m) und dann bis zur Berghütte.

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Die Berghütte Schronisko Bacówka PTTK Pod Małą Rawką.

Der Preis für eine Übernachtung hatte sich seit meinem letzten Besuch vor 5 Jahren um 8 Złoty erhöht. Dafür gab‘s 1 Złoty Rabatt aufs Abendessen (Soljanka und Maultaschen), nicht aufs Bier, Marke Profesja mit ‘nem Gimli-Zwerg drauf, und wir hatten Zimmer 3 für uns allein. Damals war die Hütte so voll, dass die Leute ihre Isomatten vor der Treppe ausbreiteten, um zu schlafen…

p.s. (Die Hüttenkatze hatte Flöhe!)

Wetlina

Die Sonne schien und nach dem Frühstücksmüsli stiegen wir den Hang hinauf, den wir gestern hinunterkamen. Unser Tagesziel hieß Wetlina. Anfangs hatte ich mit dem Gedanken gespielt, über die Połonina Wetlińska zu laufen, mit einem Abstecher auf die höchstgelegene Berghütte im Bieszczady, der Chatka Puchatka. Dies hätte jedoch einen längeren Anmarsch auf der Straße bedeutet. So beschlossen wir, einen anderen Weg zu gehen.

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Unterhalb der Mała Rawka querten wir den Hang nach Westen auf den Kamm der Dział-Bergkette und folgten ihm bis ans Ende.

Unterhalb der Mała Rawka querten wir den Hang nach Westen auf den Kamm der Dział-Bergkette und folgten ihm bis ans Ende. Es war ein schöner Weg. Freie schneebedeckte Almwiesen wechselten sich mit lichten Bergbuchenwäldern ab. Im Norden verlief die Połonina Wetlińska, im Süden der Grenzkamm (Pasmo Graniczne) zur Slowakei. Ein überdachter Rastplatz lud zu einer Teepause ein. Unsere Thermosflaschen hatten bisher gute Dienste geleistet. Unsere Pausennahrung aus Erdnüssen, Rosinen und getrockneten Sauerkirschen neigte sich langsam ihrem Ende entgegen. Wir hofften in Wetlina Nachschub zu finden.
An der Straße endete der Nationalpark Bieszczady (Bieszczadzki Park Narodowy), ab jetzt würden wir durch den Landschaftspark Cisna-Wetlina (Ciśniańsko-Wetliński Park Krajobrazowy) wandern.

Das auf unserer Wanderkarte eingezeichnete Berghotel am Dorfanfang hatte leider geschlossen. Zwar waren noch viele weitere Unterkünfte auf der Karte vermerkt, doch handelte es sich meist um private Gästezimmer. An den Häusern hing ein Schild mit der Aufschrift „Noclegi“ (Unterkunft) und darunter stand eine Telefonnummer. Für uns völlig unpraktisch.

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An der Straße endete der Nationalpark Bieszczady (Bieszczadzki Park Narodowy), ab jetzt würden wir durch den Landschaftspark Cisna-Wetlina (Ciśniańsko-Wetliński Park Krajobrazowy) wandern. (Foto: A. C. Groffmann)

Etwa in der Dorfmitte überholten uns Schneeschuhwanderer, die am Dorfladen Rast machten. Einer sprach etwas Deutsch. Die Gruppe kam aus Krakau und wir erfuhren, dass es in Wetlina eine Jugendherberge gibt. Wir brauchten nur ein paar Meter zurück laufen, ein grünes Haus auf einem Grundstück an der linken Straßenseite.

Die Dame an der Anmeldung sprach nur polnisch, was die Sache nicht so einfach machte. Nach jedem Satz nickte ich verständig obwohl ich nichts verstand und freute mich als ich 57,20 Złoty zahlen durfte und wir unser Zimmer im obersten Stock beziehen konnten.
Die Jugendherberge hatte eine Küche, wir konnten uns unser Abendessen also selbst mixen. Dazu ließen wir den Tagesumsatz der Dame im Dorfladen nach oben schnellen. Es gab irgendetwas Polnisches, was genau wussten wir selbst nicht. In einem Konservenglas mit roter Soße steckten eine Art Klöße. Dazu gab es Salzgurken und geräucherte Käsezöpfe. Im Großen und Ganzen schmeckte unser polnisches Essen nicht schlecht. Zum Nachtisch gab es wieder Rotwein aus Georgien und tschechisches Ziegenbier (dunkel).

Fehler

Der Aufbruch der Gruppe Schneeschuhwanderer aus Krakau geschah am nächsten Morgen etwas hektisch. Ohne Frühstück packten sie in aller Eile ihre Sachen zusammen. Der Grund zeigte sich bald. Die Jugendherberge hatte keinen Strom und demzufolge auch kein Wasser. So blieb auch uns nichts anderes übrig, als unsere sieben Sachen zu packen und weiterzuziehen.

Heute stand eine längere Etappe auf dem Plan. Von Smerek wollten wir auf dem Fernwanderweg E8 bis zum Grenzkamm laufen, diesem ein Stück folgen und vom Sattel Przełęcz nad Roztokami (Sedlo Ruska) bis zur Berghütte Cicha Dolina in Roztoki Górne wandern.

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Ursprünglich befand sich das Dorf Smerek mit seiner orthodoxen Kirche und dem Friedhof etwas oberhalb der heutigen Siedlung.

Der Himmel war blau und die Morgensonne strahlte, auf unserem Weg nach Smerek lagen Graupelkörner. Ursprünglich befand sich das Dorf mit seiner orthodoxen Kirche und dem Friedhof etwas oberhalb der heutigen Siedlung. Erstmals erwähnt wurde die Siedlung 1497. Hier lebten vor allem Hirten und Köhler. Die Dorfbewohner wurden 1946 in die damalige Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik deportiert, also noch vor der „Aktion Weichsel“. Ein Satz auf einer Infotafel erinnerte an das Geschehen.

Langsam ansteigend ging es nun in den Wald. Frische Fußspuren im Schnee in denen keine Graupelkörner lagen, verrieten uns, dass heute Morgen schon jemand diesen Weg genommen haben musste. Wir trafen den Wanderer am Gipfel der Fereczata (1102 m). Ohne Schneeschuhe musste es recht anstrengend gewesen sein so hoch zusteigen. Vom Gipfel bot sich eine herrliche Aussicht auf unseren Weiterweg bis zum Okrąglik (1101 m) auf dem Grenzkamm. Der Mann lief zurück ins Dorf, wir setzten unseren Weg auf einem Verbindungskamm fort in Richtung slowakischer Grenze. Wolken zogen auf am Horizont und Wind kam auf. Auch hier musste es mächtig gestürmt haben, überall lagen Äste auf dem Boden, teilweise oberschenkeldicke Prügel…

Hirschspuren kreuzten unseren Weg zum Okrąglik. Von dort führt der E8 nach Cisna. Allerdings war er mit 3 ½ Stunden angegeben. Das war uns zu weit. Wir folgten stattdessen dem Grenzweg hinab bis in den Russlandsattel (Sedlo Ruska). Es hatte angefangen zu regnen. Ein Schild im Sattel verwies auf eine Biwakhütte auf slowakischer Seite – 240 m. Da wir uns aber nun für die Berghütte Cicha Dolina im Dorf entschieden hatten, ignorierten wir den Hinweis – ein Fehler wie sich bald herausstellen sollte.

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Wir folgten dem Grenzweg hinab bis in den Russlandsattel (Sedlo Ruska).

Vom Sattel führt eine Straße hinab ins Dorf Roztoki Górne. Ab dem Dorf war die Straße asphaltiert und vom Schnee geräumt, die Berghütte jedoch verschlossen. Es regnete mittlerweile in Strömen. Wir machten uns wasserfest und entschieden der Straße nach Cisna zu folgen, das waren etwa 7 bis 8 km. We walk in the thunder and we walk in the rain…

Die Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit hatten wir bald aufgegeben. Von der Handvoll Autos, die uns überholten hielt keins!
Es begann zu dämmern. Erst kurz vor unserem Ziel hielt ein Auto. Der Höflichkeit halber steigen wir ein, obwohl ein- und aussteigen mit dem Verstauen der Rucksäcke länger dauerten als die Fahrt selbst. Auf unsere Frage nach einem Hotel, sagt die Beifahrerin: „Hier gibt es jede Menge. Versuchen Sie es in der Troll-Schenke.“

Der Versuch entpuppte sich als Fehlversuch, der Typ dort hatte angeblich keine freien Zimmer. Wir versuchten es weiter. In der „Schenke unter dem zottigen Engel“ (Oberża Pod Kudłatym Aniołem) schien uns das Glück hold zu sein. „Yes we have“ antwortete die Dame auf meine Frage nach freien Zimmern. Allerdings musste sie erst mit ihrer Chefin telefonieren, da sie angeblich die Zimmerpreise nicht kannte. Das Telefonat zog sich in die Länge. Dann kam von ihr ein „Sorry.“ Alles klar, wir konnten hier doch nicht übernachten, man hatte offensichtlich keinen Bock!

Nun kannte ich nur noch die Berghütte am Ortsrand, wo wir es probieren könnten. Ansonsten hieß es, das Zelt aufzubauen. Anne war müde und genervt. Über 9 Stunden steckten uns in den Beinen. Wir schlugen den Weg in Richtung Berghütte ein. Auf halber Strecke tauchte ein Schild auf, angestrahlt von einem Scheinwerfer. „Hotel Wołosań“ stand drauf. Anne steuerte drauf zu. Und tatsächlich, wir hatten Glück! Es gab freie Zimmer und einen Wasserkocher für den Gute-Abend-Tee…

Leider hatte das Restaurant nichts zu essen und in den Ort wollte Anne nicht mehr. So bewies sie Kreativität beim kochen, es gab Marokkopfanne in der Thermosflasche. (Das funktioniert tatsächlich!)

Ausruhen

Wir entschieden uns für einen Ruhetag. Es hatte was, einmal im Bett zu bleiben und am Nachmittag würde ich Anne das Restaurant „Siekierezada“ zeigen können. Ein abgefahrener Ort, wo langstielige Äxte in den Tischplatten steckten und die Speisekarten angekettet waren.

Das Hotel war gut belegt, am Frühstücksbuffet tummelten sich lauter Förster. Die hielten hier vermutlich eine Art Forstkongress ab. Leider war das Axt-Restaurant geschlossen und auch sonst war nichts los in Cisna. Wir vertrieben uns die Zeit mit Würfelspielen und der weiteren Tourenplanung. Ich verlor bei so ’nem doofen Gänse-Würfelspiel, bei dem kurz vorm Ziel, die Gans im Kochtopf landen konnte. Jedes Mal packte ich die Gelegenheit des Gekochtwerdens am Schopfe…

Ursprünglich wollte ich von Cisna nach Komańcza wandern und dort die Tour beenden. Doch die Zeit spielte gegen uns. Morgen war Dienstag, am Donnerstag mussten wir zurück nach Sanok fahren. Da wir doch deutlich mehr Zeit benötigten als angegeben, schien mir die Strecke Cisna – Komańcza zu lang. Zwischendrin hatten wir auch keine Übernachtungsmöglichkeit. Als Alternative bot sich an, morgen nach Sanok zu fahren und in der verbliebenen Zeit die Holzkirchen im San-Tal zu besuchen. Der Bus sollte um 11:38 Uhr fahren.

Oder? Ich studierte meine Wanderkarte. Im Nachbarort Dołżyca führte ein schwarz markierter Wanderweg in einen Sattel unterhalb des Łopiennik. Ab da ein blauer Wanderweg nach Baligród. Von dort konnten wir mit dem Bus nach Sanok fahren. Die Strecke sollte in zwei Tagen zu schaffen sein! Und wir würden endlich mal unser Zelt einsetzen und Anne konnte ihren frisch erworbenen Daunenschlafsack unter winterlichen Bedingungen testen.

Winterbiwak

Am Morgen schneite es wieder. In einem Lebensmittelladen hinter der Bushaltestelle wollten wir noch etwas Müsli kaufen. Ein Schild im Schaufenster mit der Aufschrift „open“ suggerierte eine gewisse Weltoffenheit. Bisher gab es nie Schilder in Englisch an den Geschäften und auch kein Müsli. Hier war das anders, wir konnten gleich zwischen mehreren Sorten Müsli wählen!

Mit gefülltem Rucksack ging es nun das Tal der Solinka hinab bis an die Stelle, wo der schwarz markierte Weg abzweigt. Die Sonne lugte unter den Wolken hervor und zwischen Restschneehäufchen blühte gelb der Huflattich – es wurde Frühling.

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Der Wald weiter oben war auch auf unserer letzten Etappe sehr winterlich. (Foto: A. C. Groffmann)

Der Wald weiter oben war dagegen sehr winterlich. Zwischen den schneebedeckten Bäumen sah ich eine Hirschkuh verschwinden. Am Boden stapften wir über Hirsch- und Wildschweinspuren. Der Weg war gut markiert, nur die vom Wind abgerissenen Äste am Boden gestalteten das Laufen etwas mühsam. Kurz vor dem Bergsattel hatten wir noch einmal tolle Sicht auf die beiden Rawka-Gipfel.

Dann erreichten wir die Wegkreuzung. Der schwarze Weg führte hinab ins Dorf Jabłonki, wir folgten dem blauen Band über den Bergkamm. Ab jetzt wurde die Orientierung schwieriger, immer wieder musste ich einen Blick auf mein GPS riskieren, um die Richtung zu finden. Auch die Schneedecke war nicht mehr konstant. Auf dem Kamm lag teilweise gar kein Schnee mehr, in den Senken dagegen so viel, dass wir bis zu den Knien einsackten. Ständig mussten wir die Schneeschuhe an und wieder abschnallen. Mit dem Gipfel des Durna (979 m) erreichten wir den letzten Höhepunkt der Wanderung.

Nach 6 ½ Stunden tauchte ein zweiter Wegweiser vor uns auf. Ein grün markierter Pfad zweigte ab nach Jabłonki. Bis Baligród sollte es noch 1 ¾ Stunde dauern. Anne entdeckte zwischen den Bäumen ein windgeschütztes Plätzchen. Hier bauten wir unser Zelt auf.

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Anne entdeckte zwischen den Bäumen ein windgeschütztes Plätzchen. Hier bauten wir unser Zelt auf.

Dummerweise hatte ich die Kreuzbögen vergessen, so mussten wir unser Zelt mit den Trekkingstöcken abspannen, was aber problemlos funktionierte. Bei Kaffee und Keksen eröffneten wir den Spieleabend. Die Sonne tauchte den Wald in ein goldenes Licht, die letzten Wolken hatten sich verzogen. Die Nacht versprach recht frostig zu werden.

Bärenspuren

Die Nacht war sternenklar und kalt, sehr kalt. So kalt, dass ich am Morgen nur mit größter Mühe in meine Lundhags kam und wir die Trekkingstöcke aus dem Schnee hacken konnten. Anne hatte die Wölfe heulen gehört, ich nur den Wind in den Baumwipfeln. Der Wind wehte auch jetzt wieder stark und die Sonne war bald hinter dichten Wolken verschwunden. Etwa 200 m von unserem Biwakplatz entfernt entdeckten wir etwas Aufregendes. Im frischen Schnee reihten sich quer über den Weg frische Bärenspuren. Zum Glück hatte ich gestern Abend noch alle Kekse gefuttert!

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Etwa 200 m von unserem Biwakplatz entfernt entdeckten wir etwas Aufregendes. Im frischen Schnee reihten sich quer über den Weg frische Bärenspuren.

Die Bäume ächzten bedrohlich unter den Windböen. Heute war irgendwie nicht mein Tag. Der Rucksack drückte, der Rücken schmerzte und der Rotz lief mir ständig aus der Nase. Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir an einem Denkmal die Straße vor Baligród. Laut einer Infotafel ist es ein Soldatendenkmal. Zitat: „Ehrenmal der Soldaten ‚LWP‘, ‚WOP‘, ‚KBW‘, die in den Jahren 1944 – 1947 im Kampf mit den Nazibanden ‚UPA‘ (Anm. Українська Повстанська Армія – Ukrainische Aufstandsarmee) gefallen sind, anlässlich des 25. Jubiläums der Polnischen Volksarmee ‚LWP’“.

Der Wanderweg selbst endete in der Ortsmitte direkt an einem Panzerdenkmal. Drei Stunden hatten wir bis hierher gebraucht.
Baligród war genauso tot wie Cisna, lediglich der Delikatesy-Laden war gut besucht und das Bushäuschen bot einen gewissen Schutz vor dem kalten Wind. Zum Glück kam unser Bus nach Sanok 5 Minuten früher. Auch in Sanok war es kalt und windig. Wir stiegen wieder im Drei-Rosen-Hotel ab.

Kulturelles

Den letzten Tag widmeten wir der Kultur. Wir besuchten das Freilichtmuseum in Sanok, Skansen oder politisch korrekt, Museum für Volksbauwesen genannt. Der Eintritt war nicht gratis, es kostete 16 Złoty. Die meisten Gebäude waren leider verschlossen und Kwas gab es auch nicht zu kaufen, wie bei meinem letzten Besuch. Dafür waren die Holzkirchen besser zu sehen, da die umgebenden Bäume keine Blätter trugen.

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Die griechisch-katholische Kirche von Rosolin (1750) mit grübelndem Jesus.

Am Boden blühten Märzenbecher, Schneeglöckchen und Schusternägel. Der Winter schien endgültig vorbei zu sein.

Im Kaufland auf der anderen Seite des Sans erstanden wir unseren Reiseproviant sowie zum Andenken ein Wässerchen der Marke Żubrówka Biała mit einem Wisent auf dem Etikett. Wenn es uns schon verwehrt war, echte zu sehen…

Am Morgen unseres Abreisetages regnete es wieder. Genau der richtige Zeitpunkt dem Bieszczady Lebewohl zu sagen. „Sindbad der Busfahrer“ kam pünktlich und nach fast 26 Stunden erreichte ich etwas zerknautscht Freiburg. (Für Anne endete die Reise in Heidelberg.)

Fazit

Die Bieszczady-Berge sind auch im Winter faszinierend. Die endlosen Wälder im Dreiländereck der Waldkarpaten hatten was Mystisches. Das Wandern auf den Kämmen eröffnete gigantische Aussichten. Im Winter konnten wir die gute Infrastruktur ohne die sommerlichen Tourismusströme gut nutzen. Wir hatten mit dem Wetter Glück gehabt, auch wenn es doch recht windig war. Schade, dass wir den Kamm der Połonina Bukowska nicht laufen und den Gipfel der Tarnica nicht besteigen konnten. Auch eine Wanderung zur Quelle des San (Źródła Sanu, 49.005343, 22.878664) wäre eine schöne Option gewesen und das Axt-Restaurant in Cisna hätte ich gern noch einmal besucht. Aber was soll’s, es war sicher nicht unsere letzte Tour in der Gegend…

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